Deutschland – das Land der Dichter und Denker?

Gastbeitrag des Literaturkritikers Rainer Andreas Seemann

Wenn man sich die Fernsehprogramme der privaten Sender, die uns bereits am Vormittag präsentiert werden, so ansieht, dann beginnt man daran zu zweifeln, dass wir einmal das Land der „Dichter und Denker“ waren. Sieht man sich die Rechtschreibung in den Foren und Chaträumen des Internets an, dann stellt man sich die Frage: „Lernen unsere Kinder und Jugendlichen eigentlich noch die Sprache, die laut Duden mit zirka 500.000 Wörtern zu den wortgewaltigsten Sprachen der Welt gehört?“ Fragt man Jugendliche nach Frauen, wie Marie von Ebner-Eschenbach oder Männern wie Theodor Storm, bekommt man gar keine oder falsche Auskünfte. Ja nicht einmal mehr Goethe und Schiller sind bei vielen jungen Menschen präsent. Als Betreiber eines Autorenblogs bekommt man Anfragen von jungen Autoren, die dermaßen von Rechtschreibe- und Grammatikfehlern übersät sind, dass einen das kalte Grausen packt. Das alles stimmt mich traurig. Sprache in ihrer unendlichen Vielfalt geht verloren und sinnbefreite Rechtschreibereformen passen die Sprache an die Maschinen an. Hinzu kommt das fürchterliche „Denglisch“, das immer mehr Einzug in die Umgangssprache hält. Vor Begriffen wie „googeln“ oder „surfen“ hat sogar der Duden kapituliert. Es gibt statt Festen heute „Events“, man prüft nicht mehr, sondern „checkt up“. Will man für eine Weile seine Ruhe haben, „chillt“ man. Abbestellen oder löschen tut nicht mehr, sondern man „cancelt“. Ein Vertreter, der wichtige Kunden besucht, wird zum Key Account Manager, der Hausmeister gar zum Facility Manager. Ich könnte diese Liste beliebig und stundenlang ohne ein Konzept (Script!) fortsetzen, will Sie aber nicht langweilen.

Nachdem wir nun also wissen, dass unsere Sprache 500.000 Wörter umfasst, im Kernbereich immerhin noch ca. 70.000, da wundert es einen schon, dass ein durchschnittlicher Hauptschüler heute mit ca. 800 Wörtern auskommt. Aber auch ein Gymnasiast verwendet umgangssprachlich kaum mehr als 1.200 bis 1.500 Wörter. Im Vergleich dazu schätzt man, dass Goethe in seinen Werken auf einen Wortschatz von über 90.000 verschiedenen Wörtern kommt.

Aber woran liegt das? Ist diese Verdummung großer Teile unserer Jugend vielleicht sogar politisch gewollt? Sind einfältige Menschen leichter zu manipulieren?
Ich möchte eine politische Diskussion, obschon sie höchst interessant wäre, in diesem Beitrag vermeiden. Wichtiger ist mir, auf die gravierenden Fehler im Bildungssystem hinzuweisen. Während unsere Schüler heutzutage oft mit vollkommen überflüssigem Fachwissen vollgestopft werden, kommt die Allgemeinbildung ganz eindeutig zu kurz.

Dazu kommen die vollkommen unterschiedlichen Lehrpläne in den verschiedenen Bundesländern. Ein bayerischer Gymnasiallehrer prägte den Spruch: „Wer in Bayern durch die Hauptschulprüfung fällt, kann in Nordrhein-Westfalen immer noch Abitur machen.“

Diese (natürlich vollkommen überspitze) Aussage gibt aber trotzdem zu denken. Kann Bildung wirklich Ländersache sein? Ist ein einheitliches Schul- und Bildungssystem auf hohem Niveau in Deutschland nicht längst überfällig?

Darüber nachzudenken lohnt sich auf jeden Fall.

Aber es gibt auch die großen Ausnahmen. Natürlich bekomme ich nicht nur Manuskripte und Buchvorschläge, die mir Übelkeit verursachen, sondern auch manche, die das Zeug zum Bestseller haben. Gerade aus der Autorenschmiede von Martin Bühler und seinem Team kommen erstaunlich gute Bücher. Romane und Biographien, die wahrscheinlich von keinem Verlag angenommen werden, gibt Martin Bühler eine Chance bekannt zu werden. Diese Tätigkeit kann man nicht hoch genug einschätzen und ich werde, so gut ich es mit meinen bescheidenen Mitteln tun kann, immer unterstützend tätig sein.

Nutzen wir doch die verschiedenen Kanäle auf denen wir Jugendliche erreichen können. Soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter und Google+, sind ein wunderbares Instrument um junge Menschen zu kontaktieren. Es ist deswegen sehr wichtig, Bücher auch in der heute üblichen, elektronischen Form zu veröffentlichen. Junge Menschen gehen kaum noch in Buchhandlungen. Sie laden sich ihre Literatur auf das Tablet oder Smartphone. Wie schade, wenn dann gute Bücher, mit denen man gerade diese Leserschaft erreichen könnte, nur als Taschenbuch erhältlich sind. Aber das alleine genügt nicht. Wir müssen Kinder und Jugendliche wieder für das Buch begeistern. In meiner Kinderzeit haben wir oft noch mit der Taschenlampe unter der Bettdecke gelesen, wenn die Mutter das Licht im Kinderzimmer gelöscht hatte. Hier sind vor allem Eltern, Großeltern, Onkel und Tanten gefragt. Es beginnt bereits damit, Vorschulkindern abends vor dem Schlafengehen noch etwas vorzulesen, statt den Vorabendmist im Fernsehen anzusehen. Bereits damit wecken wir die Lust am Lesen. Es ist eine Tatsache, dass Kinder, denen vorgelesen wurde, später oftmals zu „Leseratten“ werden. Und wie viel schöner und wertvoller ist es, wenn ein Kind sich mit den Helden der Bücherwelt auf Abenteuer begibt, statt stumpfsinnig am PC virtuelle Menschen „wegzuballern“.

Es steht ebenso unumstößlich fest, dass lesen bildet, während die meisten Fernsehprogramme verdummen. Und wer mag schon verblödete Kinder?

Tun wir also etwas dagegen!

Ihr Rainer Andreas Seemann

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Die nächste Leserunde kommt bestimmt

14 .Oktober 2015
Martin Bühler

Martin Bühler

Mein Lebensmotto war und ist: Das Leben schreibt die interessantesten Storys.

5 Kommentare zu “Deutschland – das Land der Dichter und Denker?

  1. Vielen Dank für diesen tollen Beitrag. Ich habe mich dabei ertappt, dass ich kopfnickend gelesen habe. Hundertprozentige Zustimmung meinerseits.
    Von Beruf bin ich Korrekturleserin. Da kann ich meist nur mit dem Kopf schütteln.
    Ich lege sehr viel Wert auf Rechtschreibung/Grammatik. Aber selbst in vielen Bücherforen wird man dumm angemacht, wenn man darauf hinweist, seinen Text doch mal durchzulesen, bevor man ihn abschickt. Ja, teilweise muss man sich richtig dämlich kommen lassen.
    Auch denke ich, dass es eine Sache der Höflichkeit ist, jemandem einen “sauberen” Text zum Lesen zu geben.
    Aber es scheint tatsächlich politisch gewollt, dass unsere Kinder immer dümmer aus der Schule kommen.

    • Liebe Frau Strandborg,

      vielen lieben Dank für Ihre Zustimmung. Als Korrekturleserin werden Sie auch in meinem Text noch einen oder zwei Fehler gefunden haben, die ich auch nach x-maligem durchlesen übersehen habe. Es sind auch nicht diese Flüchtigkeitsfehler, die mich nerven, sondern die totale Ignoranz von allen Regeln unserer Sprache. Ich habe Manuskripte zur Rezension bekommen, die so voller Rechtschreibe- und Grammatikfehler waren, dass ich sie nicht lesen konnte. Als ich die Autorin darauf ansprach, bekam ich zur Antwort: “Die Fehler, die Du gefunden hast, kannst Du behalten.”
      Da verlangt der Körper nach Herztropfen!
      Liebe Grüße
      Rainer Andreas Seemann

    • Ich bin ganz Ihrer Meinung, wir haben uns amerikanisieren lassen, und damit fing die ganze Katastrophe an.
      Der Mensch ist froh, wenn er genug zu essen hat und seinen Gewohnheiten nachgehen kann. ————-
      Unsere Gesellschaft hat sich in einen Abgrund begeben, aus dem nur noch ein großer, schmerzlicher Umbruch die Welt verändern kann. Und er wird kommen !
      Es ist ein kleiner Trost, dass so viele denkende Menschen sich gegen diese Verdummung auflehnen. Man kann nicht mehr sagen, wir hätten zugesehen !
      Ich freue mich über jeden weitsichtigen Denker.

  2. Ich denke also schreib ich …

    Ich stimme Ihnen auch vollkommen zu. Ich bin mit der Rechtschreibung völlig überfordert. Die “Alte”, die “Neue”, schreiben wie man spricht oder hört.
    Ich selbst verschandele gerne die Rechtschreibung von Wörtern und deren Bedeutung.
    Wie z.B. die Buchstaben groß schreiben um Lautsprache anzudeuten. Manchmal lasse ich mir Wörter auf der Zunge zergehen und erkenne dann erst ihre wirkliche Bedeutung. Ich muss dazu sagen, ich habe Schizophrenie.

    WillHelm jaKOpp Grimm,
    ich hätte heutzutage gerne einen Helm sage ich, meine innere Stimme sagt mir, ja Kopf.

    oder das hier …
    4you, 2me
    4alle, gute n8
    wir alle, gute Nacht

    Es fällt bei dieser Vielfalt und wortgewaltigen Sprache sehr schwer perfekt zu sein. Dichter und Denker!
    Der Bildungsschwerpunkt liegt eindeutig in den Bibliotheken. Ich komme aus Großenhain, wir haben die erste deutsche Volksbücherei in Deutschland, gegründet von Karl Preusker.

    Warum schreibt Schiller: “Gluth”, statt “Glut”?
    Oder ist es das Netz was Chaos verbreitet?

    Licht und Wärme.
    Friedrich Schiller

    Der beßre Mensch tritt in die Welt
    Mit fröhlichem Vertrauen;
    Er glaubt, was ihm die Seele schwellt,
    Auch außer sich zu schauen,
    Und weiht, von edlem Eifer warm,
    Der Wahrheit seinen treuen Arm.
    Doch Alles ist so klein, so eng;
    Hat er es erst erfahren,
    Da sucht er in dem Weltgedräng
    Sich selbst nur zu bewahren;
    Das Herz, in kalter, stolzer Ruh,
    Schließt endlich sich der Liebe zu.

    Sie geben, ach! nicht immer Gluth,
    Der Wahrheit helle Strahlen.
    Wohl Denen, die des Wissens Gut
    Nicht mit dem Herzen zahlen.
    Drum paart, zu eurem schönsten Glück,
    Mit Schwärmers Ernst des Weltmanns Blick.

    Quelle:
    http://www.versalia.de/archiv/Schiller/Licht_und_Waerme_.1150.html

    anders Quelle:
    http://www.friedrich-schiller-archiv.de/inhaltsangaben/licht-und-waerme-text-inhaltsangabe-interpretation/

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