Missbrauch hat keine Staatsangehörigkeit, oder doch?

Missbrauch hat keine Staatsangehörigkeit, oder doch?

Missbrauch hat keine Staatsangehörigkeit, oder doch?

Mit Entsetzen las ich von dem Missbrauchsskandal bei den Regensburger Domspatzen. Laut einem Bericht des Bayrischen Rundfunks wurden dort von 1953- 1992 etwa 231 Kinder misshandelt und mindestens 50 davon sexuell missbraucht. Die Dunkelziffer liegt weitaus höher.

Noch am selben Tag lese ich weitere Artikel. In ihnen wird die Situation am Kölner Bahnhof in der Silvesternacht beschrieben. Auch hier fanden sexuelle Übergriffe statt. Dieses Mal waren junge Frauen die Opfer.

Beide Artikel lösen natürlich Emotionen in mir aus. Angefangen von Entsetzen, dass diese widerwärtigen Aktionen überhaupt in einem Land wie unserem, geschehen können, bis hin zu Ekel. Denn die Artikel haben eines gemeinsam. In beiden Fällen werden wehrlose Menschen, auf schändlichste Art gedemütigt und erniedrigt. Und in beiden Fällen kommt ihnen niemand zur Hilfe.

Und dennoch gibt es Unterschiede. Während ich bei obigen Eintrag lediglich ein paar wenige Kommentare lese, die ausdrücken, was ich gerade fühle, finden sich bei dem Beitrag über Köln plötzlich tausende Meinungen ein. Die meisten davon tragen die pauschalisierte Botschaft in sich, dass es ja so kommen musste und die Flüchtlinge, alles Verbrecher und Terroristen sind.
Ist Missbrauch nicht gleich Missbrauch?

Offensichtlich nicht, es sei denn, die betroffenen Priester in Regensburg wären Asylanten gewesen, oder wenigstens ausländische Staatsbürger. Dann nimmt die ganze Sache nämlich plötzlich einen viel höheren Stellenwert ein. Ähnlich sieht es bei anderen Straftaten aus.
Dabei stimme ich durchaus zu, dass die Angst der Menschen berechtigt ist, wenn andere Menschen sich nicht an Gesetze und Grundregeln halten. Mir erschließt sich nur nicht der Unterschied.

Ist die Vorstellung, wie ein Geistlicher, ein Mann Gottes sozusagen, sich an kleinen Jungen vergreift, nicht mindestens genauso widerwärtig, wie die Übergriffe in Köln?
Warum also keine öffentliche Empörung? Weshalb verlangen wir nicht lautstark, die Verantwortlichen aus der Kirche zu entfernen, oder besser noch aus dem Land?
Wo bleiben die selbsternannten Moralisten und schützen unser höchstes Gut, nämlich unsere Kinder vor ihnen?

Ich habe die Antwort darauf noch nicht gefunden. Genauso wenig, wie ich verstehe, woher plötzlich der Drang kommt, sich politisch öffentlich zu äußern, obwohl die meisten davon, sich nie dafür interessierten.
Die einzige Erklärung, die mir logisch erscheint, ist die, dass es eben einfach ist, einen Sündenbock zu finden, auf dem man all seine Frustration, eigenes Versagen und Wut abwälzen kann. Aktuell sind es die Flüchtlinge. Da wäre es ja blöd, zugeben zu müssen, dass es auch im eigenen Land schwarze Schafe gibt.

Hat Missbrauch also eine Staatsangehörigkeit? Scheinbar schon, zumindest in den Köpfen besorgter Bürger. Als Fazit kann ich nur daraus entnehmen, dass in unserem Land, sei es in der Erziehung, Schule oder dem Umfeld einiges schief läuft. Hätte man sonst nicht aus der Geschichte gelernt?
Ich erinnere mich da an eine dunkle Zeit, in der es ähnlich begann.

Ein Artikel von Iris Krumbiegel

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Mein Lebensmotto war und ist: Das Leben schreibt die interessantesten Storys.

2 Kommentare zu “Missbrauch hat keine Staatsangehörigkeit, oder doch?

  1. “Hat Missbrauch eine Staatsangehörigkeit”………..Nein, natürlich nicht und der Artikel von Martin Bühler ist dazu sehr interessant.
    Ich gehe sogar noch ein Stück weiter, denn der Missbrauch an Kindern ist in meinen Augen sogar noch schlimmer. Kinder werden ihren Eltern nichts erzählen und da gibt es sicherlich ganz unterschiedliche Gründe. Die Kirche ist für viele ein “Aushängeschild” und die wird man nicht öffentlich angreifen. Gerade dort denkt man doch, dass die Kinder in “guten Händen” sind und ihnen nichts passiert. Ich weiß nicht, wie die Eltern dieser “Kinder” (sind sie jetzt schon gar nicht mehr) denken und ob sie gerne etwas unternehmen würden oder eventuell sogar etwas unternehmen ( es ist inzwischen auch viel Zeit vergangen). Würden sie das dann auch in der Öffentlichkeit tun……..ich kann es mir nicht vorstellen. Oder dürfen sie vielleicht gar nichts sagen……….

    Die Übergriffe in Köln………..Ich war auch entsetzt und kann überhaupt nicht verstehen, warum keiner diesen betroffenen Frauen geholfen hat. Ein öffentlicher Platz, wo mit Sicherheit hunderte von Menschen diese Vorfälle gesehen haben. Wehrlose Frauen sind gedemütigt worden……… haben alle weggeguckt oder vielleicht sogar noch zugeguckt…..? Sind das jetzt die Bürger, die die Flüchtlinge anklagen und aus dem Land haben wollen.
    Wieviele Videos von diesen Übergriffen wurden im Fernsehen gezeigt und es gab kein anderes Thema mehr. Selbst die Polizei wollte Dinge vertuschen…….in was für einem Land leben wir eigentlich!?
    Das Thema “Flüchtlinge” hat allerdings schon vorher viele Diskussionen in der Bevölkerung ausgelöst und kamen dann vielleicht diese Vorfälle zum “richtigen Zeitpunkt”. Waren es nicht vorher die Ausländer die verurteilt worden sind und jetzt sind es die Flüchtlinge. Sind alle Flüchtlinge/Ausländer Verbrecher und gibt es da keine Unterschiede…………….?

    Viele Flüchtlinge sind in unser Land gekommen und ich kann zum Teil die Bevölkerung verstehen. Flüchtlinge die im Supermarkt einkaufen gehen und dann nicht an der Kasse bezahlen. Sie heben die Hand und rufen: “Deutschland zahlt”, da packt mich auch die Wut. Ich habe so eine Situation selbst schon erlebt und auch von Bekannten gehört. Flüchtlinge die nur Forderungen stellen…………und wir haben selbst genug arme Menschen im Land. Allerdings muß hier unsere Regierung etwas unternehmen und darauf haben wir zur Zeit wenig Einfluss. Tja, wenn jetzt Wahlen wären………..die Prognosen sind eindeutig, aber wird dann wirklich alles besser!?

    So, jetzt bin ich vom eigentlichen Thema etwas abgekommen, aber das war mir einfach noch wichtig!

  2. Das Leben hat es für mich so gewollt, dass ich schon vielen Menschen begegnet bin, die sexuellen Missbrauch in der Kindheit erleben mussten. Sei es durch den Beruf meines Mannes, durch meine Seelsorgeausbildung oder durch Zufall.
    Es erschüttert mich immer wieder, wie tief die Wunden sind, die Missbrauch in den Seelen der Menschen hinterlässt. Es gibt Namen dafür: Borderlinestörung, Dissoziative Identitätsstörung, komplexe Posttraumatische Belastungsstörung.
    Immer ist es eine Last, die Betroffene ein Leben lang zu tragen haben. Ich habe mich auch schon oft gefragt, wo die Empörung, der Aufschrei bleiben.
    David Bercelli hat eine Erklärung dafür: Traumaopfer werden aus der Gesellschaft ausgeschlossen, weil sie ein lebendiges Zeugnis dafür sind, dass die Welt nicht sicher ist. Jedem kann etwas passieren, wir haben es nicht in der Hand. Sonst wäre es ja kein Trauma. Und mit dieser Wahrheit kommen Menschen nicht klar. Sie brauchen die Illusion, dass nichts passieren kann.

    Das macht es natürlich nicht besser und vielleicht umso nötiger, sich zu empören, nicht auszugrenzen, sondern sich anzunehmen und zuzuhören, zulassen und aushalten. Das könnte bewirken, dass Wunden heilen und Opfer nicht Opfer bleiben.
    Und vor allem: Kindesmissbrauch härter bestrafen. Es ist ein Verbrechen, kein Vergehen.

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