Stereotype und Vorurteile

Spagettifresser ?

Spagettifresser ?

Gastartikel von Brigitte Cleve

Martin Bühler machte mir neulich ein freundliches Angebot: Wenn es ein besonderes Thema gibt, das dich im Moment besonders umtreibt, kannst du gerne in meinem Blog etwas dazu schreiben.

Mal abgesehen davon, dass meine Gedanken normalerweise vorrangig um das Wohl mir lieber Menschen kreisen und an zweiter Stelle um die Arbeit an einem neuen Romankonzept, gibt es tatsächlich ein Thema, dass mich zur Zeit besonders umtreibt. Es ist das der zunehmenden und mir immer hässlicher vorkommenden Art der Kommunikation zwischen den Mitgliedern von Facebook und Twitter. Von den Ratschlägen meines Mannes, mich entweder von diesen Kanälen wieder zurückzuziehen oder einfach Adressen auszumerzen, die mich zu Widersprüchen reizen, habe ich den ersten gar nicht und den zweiten zu seinem Bedauern nicht gänzlich beherzigt. Ein Rückzug würde bedeuten, den Kontakt zu mir lieb gewonnenen Mitgliedern abzubrechen. Die Selektion von Adressen, die gerne verbal daneben langen, hätte zur Folge, Meinungen von Bürgern jeglicher Couleur nicht mehr mitzubekommen. Bleibt also nur Eigendisziplin, wenn es um Antworten auf Stereotype und Vorurteile geht? Auf jeden Fall – wobei es mir angezeigt scheint, die von mir in der Vergangenheit beigesteuerten auf den Prüfstand zu stellen.

Ich muss heute noch schmunzeln, wenn ich an eine Lehrstunde im Soziologieunterricht während meiner späten 3-Jährigen Fachschulausbildung zur Altenpflegerin denke, in der folgendes Beispiel an der Tafel stand:

Bei der Aussage: „Alle Italiener essen täglich Nudeln“, handelt es sich um ein Stereotyp, bei der Behauptung: „Italiener sind Spaghettifresser“, um ein Vorurteil.

Unser Soziologielehrer dozierte, dass Stereotype im Gegensatz zu Vorurteilen keine negativen Wertungen darstellen, sondern meistens von Personengruppen benutzt werden, um die Interaktion mit anderen Menschen zu vereinfachen. Meinen Einwand, dass sie, je nachdem, in welchen Ton und Kontext sie benutzt werden, nach meinem Empfinden aber nicht immer so ankommen, fand er nicht überzeugend. Heute muss ich zugeben, dass es mir in der inzwischen zunehmend unsachlicher gewordenen Diskussion über das Thema Flüchtlinge schon wieder schwer fällt, manche Stereotype von Vorurteilen zu unterscheiden. Vielleicht liegt das daran, dass von Hass erfüllte Menschen sich absichtlich grenzwertig äußern. Als Beispiel fällt mir der Satz ein, den jemand bei einer Umfrage in einer Ladenpassage in ein Mikrofon sprach: „Fremde haben nun mal eine eigenen Kultur.“ Keine Frage, das ist so. Von Ton, Mimik und Gestik her schien er jedoch klarmachen zu wollen: „Sie zerstören, wenn sie herkommen, garantiert unsere kostbare deutsche.“

Von dem vorerwähnten Unterricht blieben mir übrigens noch Empfehlungen zum Abbau von Vorurteilen in Erinnerung wie: Sein Wahrnehmungs- und Urteilsvermögen zu trainieren, sachliche Informationen zu verarbeiten und seine kognitive Kompetenz fördern.
Sah ich mich da etwa gerade grinsend einem nach meiner Meinung unmöglich argumentierenden Poster oder Twitterer den Rat geben, seine kognitive Kompetenz zu fördern?
Sollte ich doch lieber zuerst mal meine eigene ….?
Ach ja, nach der Erfahrung, dass ich über viele Jahre tatsächlich schon manches Vorurteil über Menschen ausmerzen konnte, die von einer mir früher unheimlich gewesenen Andersartigkeit sind,
sehe ich auch für mich durchaus noch Weiterentwicklungspotential.

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Mein Lebensmotto war und ist: Das Leben schreibt die interessantesten Storys.

Ein Kommentar zu “Stereotype und Vorurteile

  1. Liebe Frau Cleve,

    vielen Dank für diesen wertvollen Beitrag, dem ich voll und ganz zustimmen kann. Bei mehr als 4.400 Kontakten, die ich inzwischen bei Twitter habe, fällt es zunehmend schwer, die Spreu vom Weizen zu trennen. Bei Google+ sind es inzwischen über 900 Kontakte, da kann man nicht mehr jeden einzelnen auf seinen “Wert” prüfen.

    Ich frage mich oft, warum ich überhaupt begonnen habe, mich dort zu engagieren. Es gab Zeiten da kamen noch Xing, LinkedIn und Facebook hinzu. Von diesen drei Plattformen habe ich mich getrennt. Xing und LinkedIn, weil sie mir nicht wirklich etwas gebracht haben. Bei Facebook war es allerdings ganz anders. Ich hatte ungefähr 3.000 “Freunde” gesammelt. Unerfahren, wie ich war, postete ich munter drauf los, mal politisch, mal privat, mal beruflich. Die Folge war, dass sich die Themen mehr und mehr vermischten und ich letztlich berufliche Nachteile hatte, weil ich eine bestimmte politische Richtung offen legte. Besonders mein engagierter Kampf gegen das Unsinnsprojekt “Stuttgart 21″ brachte mir viel Feindschaft ein. Mein größter Kunde in der Unternehmensberatung war und ist ein Immobilien-Netzwerk, das weltweit agiert. Und plötzlich wurde dieser Kunde mit meinen privaten Meinungen in Verbindung gebracht, was diesen nicht amüsiert hat. Es blieb mir nichts anderes übrig, als das Facebook Profil zu löschen.

    Enttäuschend war, dass meine “Freunde” nicht bereit waren, meine privaten Ansichten und mein berufliche Wirken zu trennen. Seither nutze ich, wie Sie ja wissen, nur noch Google+ und vor allem Twitter zur Verbreitung meiner Artikel in meinen Blogs. Hin und wieder gebe ich auch mal meinen Senf zu irgendwelchen Themen aber stets darauf bedacht, niemand zu nahe zu treten.

    Genau das bringt mich aber wieder zu der Frage, warum ich mir das alles noch antue. Dann antworte ich mir selbst: “Weil es Spaß macht, über “magisch-schöne Orte” und gute Literatur zu berichten; und weil man irgendetwas sinnvolles in seiner Freizeit tun muss um nicht zu versauern.” Hinzu kommt, das ich das Rentenalter erreicht habe und meine beruflichen Aktivitäten zurückfahre. Also doch wieder “an die private Front”.

    Inzwischen mache ich es so wie Sie. Wenn mich einer meine Follower allzu sehr ärgert, blockiere ich ihn und denke mir meinen Teil, indem ich innerlich den Götz von Berlichingen zitiere. Ich meine sein bekanntestes Zitat

    Liebe Grüße aus Renningen

    Ihr Rainer Andreas Seemann

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