Tschüss, Buchhändler

Tschüss, Buchhändler

Tschüss, Buchhändler

Ein paar persönliche Gedanken zur Buchmesse in Frankfurt. Ich bin dieses Jahr der Messe in Frankfurt fern geblieben, diese Menschenmassen muss ich mir nicht antun. Abgesehen davon finde ich die Leipziger Buchmesse für Selfpublisher weit sinnvoller und interessanter. In Frankfurt feiert sich die Verlagsbranche selbst. Hochmut kommt vor dem Fall.

Der Zug im Verlagswesen ist längst abgefahren. Wenn auch mit aller medialen Gewalt versucht wird, die Themen eBook und digitaler Vertrieb herunterzuspielen; dem deutschen Buchhandel geht es schlecht, hier ganz speziell dem stationären Buchhandel.

Ein Werbeplakat meines örtlichen Buchhändlers mit dem Text „Sie brauchen nicht bis zum Amazonas reisen um Bücher zu bestellen“ wirkt da eher wie ein letzter Hilfeschrei. Ob wir in zehn Jahren noch Buchhändler haben werden? Ich weiß es nicht, aber ich glaube nicht. Zumindest nicht klassische Buchhändler, wie sie in jeder kleinen Ortschaft früher zu finden waren.

Ist an dieser Entwicklung Amazon schuld?

Nein, ganz und gar nicht. Der klassische Buchmarkt, mit seinem schwerfälligen, verkrusteten und anachronistisch wirkenden Management, muss sich diesen Schuh schon selbst anziehen. Es hat den Fortschritt einfach verschlafen. Eigentlich hätten die Verlage aus der Vergangenheit lernen können, denn was zur Zeit für den Buchmarkt gilt, gab es vor zehn Jahren haargenau für die Musikbranche.

Digitaler Musikvertrieb wie bei Apple und Co wurde von den großen belächelt und als nicht zukunftsweisend heruntergespielt. Was haben wir heute? Fällt Ihnen noch ein klassischer Musikladen in Ihrer Nähe ein? Mir nicht.

Da können Buchhändler noch so sehr auf Amazon schimpfen, verpennt haben sie es selbst und dank Buchpreisbindung kann keiner sagen, Amazon hätte den Markt mit Dumpingpreisen ruiniert. Amazon hat den Markt revolutioniert mit einem straffen, gut kalkulierenden Management, mit Ideen und nicht mit zuletzt kapitalistischem Größenwahn.

Ich glaube, dass wir in zehn Jahren keinen Buchladen mehr kennen werden, von Filialen einiger großer Ketten wie Thalia und Co abgesehen. Die großen Kaufhäuser werden etwas ausgeweitete Buchecken haben. Das kann man sich vorstellen wie die Rationalisierung der Deutschen Post, davon gibt es auch in fast jedem Kaufhaus eine Agentur. Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass er einmal sein Paket bei Edeka oder Real aufgeben würde? Ich nicht.

Da kommt die Frage auf, wenn es keine Buchläden im klassischen Sinn mehr gibt, braucht man dann noch Verlage? Und hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Ja, ich glaube wir brauchen große Verlage. Heute schimpft sich ja so ziemlich alles „Verlag“ und „Verlegerin“, das gerade mal ein Buch in der Hand gehalten hat. In Wirklichkeit sind es aber genau diese Verlage, die es in Zukunft nicht mehr geben wird. Sie bieten nichts an, was der Autor nicht auch selbst erledigen könnte. Und eine Listung im VLB (Verzeichnis lieferbarer Bücher), darauf kann so ziemlich jeder verzichten.

Wie viele Leser gehen in eine Buchhandlung und bestellen beim Buchhändler ihres Vertrauens ein spezielles Buch, gehen nach Tagen wieder dorthin um es abzuholen? Ich glaube, das sind die wenigsten. Der Leser und somit der Käufer agiert heute anders als vor zehn Jahren. In jedem Kaufvorgang ist eine Dynamik entstanden, die vor Jahren undenkbar gewesen wäre. Ein Klick am PC und am nächsten Tag ist das Buch meist portofrei im Briefkasten. Das muss man nicht gut heißen, aber so ist es nun einmal.

Und sieht man sich die Einnahmen an, so kommt auf tausend eBooks ein Taschenbuch. Tendenz steigend. So komme ich zu dem Schluss, dass der Markt sich weiter in einem wahnsinnigen Tempo entwickeln wird. Die großen Verlage werden größer werden, die kleinen Verlage werden in Nischenthemen investieren und die Möchtegernverlage werden von der Bildfläche verschwinden. Was übrig bleibt sind Großkonzerne, die sich auf das Printgeschäft spezialisiert haben und genau dieses Geschäft auch beherrschen. Darin wird ihre Daseinsberechtigung im Verbund mit Grossisten liegen. Und der Rest wird nach wie vor als Selfpublisher unterwegs sein.

Die Prognose:

Meine ganz persönliche Prognose ist, dass die Kinder meiner Kinder einmal fragen werden, ob es wirklich Geschäfte gab, in denen man Bücher auf der Straße kaufen konnte.

Der reine Leser wird nichts zu befürchten haben. Den großen Verlagen, die wirklich den Namen „Verlag“ verdienen, wird es zukünftig leichter fallen, passende Autoren aus den Massen der Selfpublisher herauszusuchen. Sie werden sich auf das Printgeschäft konzentrieren.

Amazon wird weiter innovativ auf dem Markt bleiben, denn die Konkurrenz schläft nicht. Die Gruppe Tolino Media gewinnt weiter und wird versuchen Amazon auf den Fersen zu bleiben.

Der Selfpublisher wird irgendwann erkennen, dass er den Anforderungen des Printvertriebs nicht gerecht werden kann und wird sich weiter auf den digitalen Weltmärkten zu etablieren suchen. Ein Teil der Selfpublisher wird sich dabei immer weiter professionalisieren.

Als Verlierer bleiben nur die Kleinstverlage und die stationären Buchhändler, diese haben den Anschluss an das 21. Jahrhundert verpasst.

In diesem Sinn, auf die Zukunft

Whatchareadin - das multimediale Bücherforum

Die nächste Leserunde kommt bestimmt

14 .Oktober 2015
Wenn der Karren im Dreck steckt

Wenn der Karren im Dreck steckt

2. Dezember 2015
Martin Bühler

Martin Bühler

Mein Lebensmotto war und ist: Das Leben schreibt die interessantesten Storys.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>