Die Kochtüten-Generation

Die Kochtüten-Generation

Die Kochtüten-Generation

Weltkonzerne wie Nestlé, Unilever, Kraft und Co erwirtschaften jährlich Milliarden Euro. Statistiken gehen davon aus, dass rund 48 Prozent der erwirtschafteten Gewinne in die Markenpräsenz fließen. Diese Zahl muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.

Das bedeutet, es werden mit aufwändigen Marketingkonzepten die Eigenmarken wie Knorr, Maggi und Co in Szene gesetzt. Dem Verbraucher wird vorgegaukelt, es handele sich um viele kleine bodenständige Unternehmen, in Wirklichkeit sind es weltweit rund zehn globale Konzerne, die eine perfekt inszenierte Marken-Propaganda betreiben.

Werbefloskeln wie „Good Food“, „good Life“ oder “die Natur ist unser Vorbild” funktionieren seit Jahren in Perfektion. Der Markt boomt. Die Generationen der Frauen und Männer, die nicht mehr fähig sind einen Pfannkuchenteig selbst herzustellen, ist in den Augen der Konzerne endlich da. Erzeugt wurde diese Generation von genau diesen Heuschrecken der Lebensmittelbranche.

Dazu kommt, dass in unserem schnelllebigen Alltag die Zeit für das Kochen fehlt. So spaltet sich die Gesellschaft in zwei ganz unterschiedliche Richtungen. Eine Minderheit der Bevölkerung lebt gesundheitsbewusst, kocht täglich mit frischen Zutaten und hat einen Bezug zum Lebensmittel. Bewegungen, ja, man kann sie Bewegungen nennen, wie die vegetarische Ernährungsform in den 90er Jahren oder der Vegan-Trend im jetzigen Jahrzehnt, belegen das.

Doch der Großteil der Bevölkerung frisst jeden Müll. Dafür gibt es keinen anderen Ausdruck.

Das Fatale daran ist, dass die meisten Menschen gar keinen Geschmack mehr besitzen. Sie haben den sensiblen Geschmack für feine Lebensmittel verloren. Die Lebensmittelkonzerne haben verstanden, den menschlichen Geschmack soweit zu beeinflussen, dass der Konsument mit Fertigfood zufrieden ist; ja sogar glücklich ist.

Aber es ist nicht nur eine Sache des Geschmacks, es ist auch der Umgang und der Respekt, den Lebensmittel eigentlich verdienen. Ich persönlich habe kein Problem damit, dass Tiere zum Verzehr gezüchtet und verarbeitet werden. Aber ich habe sehr wohl ein Problem, wenn Tiere gezüchtet, getötet werden und danach nutzlos im Müll landen. Wenn Tiere zu lebenden Kadavern herangezogen werden und die einzige Devise lautet: Gewicht um jeden Preis, denn einzig und allein das bringt Umsatz und somit Gewinn.

Vor kurzem fragte eine Freundin meiner dreizehnjährigen Tochter, was das “rote Harte” im Salat sei. Es war Paprika, sie kannte es einfach nicht. Haben wir als Eltern nicht auch die Verantwortung, unseren Kindern beizubringen, welches Lebensmittel woher kommt, wie es verarbeitet wird und wie es schmeckt?

Und nein, das Argument, gutes Essen sei teuer, lasse ich nicht gelten. Es ist günstiger als Fertigfutter. Mir fallen unzählige Gerichte ein, die in der Herstellung unter einem Euro pro Person liegen. Denken Sie an selbstgemachte Spaghetti mit einer schönen pikanten Tomatensoße. Denken Sie an selbst gemachtes Kartoffelpüree und feines Karottengemüse. Die Liste ließe sich beliebig erweitern.

Hochinteressant finde ich den Bio-Sektor. Sobald sich in diesem Bereich ein Skandal nur andeutet, wird er hochgeputscht und medial vermarktet, um eine Anti-Bio-Kampagne zu starten. Die Lebensmittelmonster spielen da liebend gerne mit.

Wenn man darüber nachdenkt, wie die Zucker-Mafia den Vertrieb von Stevia (Zuckerersatz auf pflanzlicher Basis) zu verhindern versucht hat, wird klar, dass die großen globalen Heuschrecken der Lebensmittelindustrie längst das Monopol auf Nahrungsmittel besitzen.

Immer höhere Gewinne, immer minderwertigere Nahrungsmittel belegen das. In ihrer Entwicklung haben es die Konzerne geschafft, sich ihre eigenen Kunden zu züchten. Masse statt Klasse ist die Devise. Die Auswirkungen auf unsere Gesundheit sind noch gar nicht abzusehen.

Wir Verbraucher machen es den Konzernen auch sehr leicht. Wir fordern es ja förmlich heraus. Kochen muss schnell gehen: Tüte auf, Wasser dazu und alles ist perfekt.

In unsere Automobile schütten wir das teuerste Hochleistungsöl, gerne der Liter für 30 Euro. Das Olivenöl, das wir über unser Essen in unseren Körper schütten, soll möglichst unter drei Euro kosten. Hier stimmen die Verhältnisse nicht mehr.

Die Lebensmittelindustrie wird in den nächsten Jahren einen weiteren Boom erleben. Denn die Generation, die noch mit Nahrungsmitteln umgehen konnte, stirbt langsam weg. Eine biologische Entwicklung, die den Lebensmittel-Großkonzernen weitere Milliarden Gewinne sichert.

Auch so mancher Fernsehkoch hat längt seine Überzeugung für gute Nahrungsmittel an diese Konzerne verkauft, im Gegenzug für millionenschwere Werbeverträge. Glauben Sie allen Ernstes, dass ein Koch ein Produkt, das mit seinem Logo vermarktet wird, selbst essen würde? Ich bezweifle das.

Das Zauberwort heißt Lizenzvertrag. Die Lebensmittelchemiker kreieren ein Produkt, dann wird bei den Fernsehköchen angefragt, ob sie ihren Namen für die Produktvermarktung zur Verfügung stellen würden. Wird man sich einig, sehen wir Verbraucher kurze Zeit später auf den Verpackungen sympathische Fernsehköche, und diese erhalten dann ihre drei bis sechs Prozent des Umsatzes. Das nennt man Marketing.

Na dann, Mahlzeit
Ihr Martin Bühler

Keine Macht den Radikalen

Keine Macht den Radikalen

Keine Macht den Radikalen

Islam – Islamisten – Radikalisten

Es ist wirklich erschreckend, wenn man die Medien zur Zeit betrachtet. Ich bekomme Angst, nicht vor radikalen Islamisten, sondern vor dem Zerbrechen des gesellschaftlichen Zusammenhalts in unserer Bevölkerung.

Beim Thema Islam wird schnell auf eine schwarz/weiße Sichtweise umgestellt. Zum Teil aufgrund emotionaler Empörung, die natürlich und verständlich ist, betrachtet man das Blutbad in Paris und die vielen anderen Gräueltaten dieser hirnverbrannten Koran-naiven radikalen Islamisten.

Aber mit den Pegida-Demonstrationen und der allgemeinen Islam-Diskussion in unserem Land tun wir den radikalen Islamisten einen riesigen Gefallen. Sie bekommen Aufmerksamkeit und wittern, dass sie auf dem richtigen Weg sind, ihren geplanten Gottesstaat zu konstituieren. Wir geben Ihnen die Bühne, die sie suchen.

Viele meiner Freunde sind islamischen Glaubens, sie verabscheuen die Taten ihrer Glaubensbrüder zutiefst. Ich bin überzeugt, dass 95 Prozent der islamischen Gläubigen friedfertige Menschen sind. Ich schätze sie als zuverlässige und ehrliche Freunde. Unser Europa profitiert von den multikulturellen Mitbürgern seit vielen Jahren. Sie sind ein Teil unserer Gesellschaft. Und dazu gehören natürlich auch die bei uns lebenden gläubigen Muslime.

Die andere Seite ist natürlich die, dass es keine andere Religion gibt, in der die Gewaltbereitschaft grundsätzlich, teilweise kulturell bedingt, so hoch erscheint wie im Islam. Wenn man das heutzutage äußert, wird man schnell als rechts gerichtet angesehen. Aber das ewige politische Einstufen in links, rechts und Mitte ist doch längst überholt.

Den Überblick zu behalten ist schwer. An dieser Stelle vermisse ich einmal mehr einen der besten Islamkenner, Peter Scholl-Latour, der im vergangenen Jahr verstorben ist. In den vielen Jahren seiner journalistischen Tätigkeit hatte er stets versucht, uns den Islam näher zu bringen ohne zu spalten.

Lassen wir es nicht zu, dass ein kleiner, geringer Teil fanatischer Islamisten uns von unseren muslimischen Mitbürgern trennt und spaltet. Ich für mich persönlich möchte nicht auf meinen muslimischen Freundeskreis verzichten. Die radikalen Kräfte im Islam wird es immer geben, ebenso wie es fundamentalistische Christen oder Hindus gibt. Wenn wir aber Stärke zeigen, indem wir die friedlich unter uns lebenden Muslime jetzt in dieser kulturellen Krise noch deutlicher annehmen und noch mehr zeigen, dass sie ein Teil unserer Gesellschaft sind, umso mehr bewirken wir damit, dass die radikalen, hirnverbrannten Kriminellen keine Chance haben.

Im Prinzip zeigt uns das aktuelle Beispiel der Gotteskrieger, dass sie jeden Verstand verloren haben. Gescheiterte Existenzen, die es eigentlich nicht würdig sind, sie zu beachten.

Religion ersetzt niemals den Menschenverstand. Dieser Grundsatz gilt religionsunabhängig. Ob der Koran oder die Bibel, ob Mohammed oder Jesus, vielleicht sind das alles nur Phantasiegebilde längst vergangener Zeiten.

Todestag – Hintergrundgeschichte zum Buch

Im Juni 2013 fuhr ich mit dem ICE die Strecke von Hamburg nach Würzburg.

Todestag

Todestag

Ich saß neben einer Frau, mit der ich nach kurzer Zeit ins Gespräch kam. Wir unterhielten uns über Gott und die Welt. Natürlich kam dann irgendwann auch die Frage nach dem Beruflichen. Sie fragte mich, was ich denn im Berufsleben mache. Ich erzählte ihr, dass ich schreibe, und zwar meist über Tabu Themen. Unser Gespräch wurde danach immer interessanter. Ich erzählte ihr über meine Vergangenheit. Die Frau wirkt ständig verbitterter. Deshalb fragte ich nach, warum dies so sei. Sie erzählt mir eine Geschichte: Ihre Schwester Carolin sei im Alter von 37 Jahren an unheilbarem Knochenkrebs erkrankt und jetzt – drei Jahre später – sei das Endstadium erreicht. Sie habe sich für den Freitod in der Schweiz entschieden. Sie sei verheiratet und habe einen 11jährigen Sohn.
Wir sprachen sehr lange darüber, ich machte mir Gedanken und kam zu dem Entschluss, dass der Tod auch ein Tabu-Thema ist, das man verdrängt und einfach wegschiebt.

Diese Zugfahrt endete viel zu schnell, denn ich hätte mich mit meiner Mitreisenden noch ewig unterhalten können. Tage danach dachte ich immer noch über das Gespräch im Zug nach.
Ich fasste den Entschluss, mich mit dem Thema Tod/Freitod zu beschäftigen.

Mich plagt seitdem die Neugier, hinter die Fassaden der Menschen zu blicken, die bewusst und gezielt in den Tod gehen. Ich nahm deshalb Kontakt zu meiner damaligen Zugbekanntschaft auf und fragte sie über Facebook, ob Sie für mich den Kontakt zu Ihrer Schwester herstellen könne und ein Gespräch mit dieser möglich wäre. Nur wenige Stunden später schrieb mir Carolin direkt via Facebook.
Grundsätzlich, so schrieb sie, sei sie bereit, darüber zu sprechen, insbesondere über Ihre letzten Jahre.
Am folgenden Tag sprach ich das erste Mal am Telefon persönlich mit Carolin. Ich war sehr überrascht, wie offen sie sich gab, wie bewusst sie darüber sprach, an einem bestimmten Tag bewusst in den Tod zu gehen.

Ihre Beweggründe sind ganz anders, als ich es anfangs dachte. Ich glaubte, dass sie sich die Schmerzen und Qualen ersparen möchte, aber es ist ganz anders. Sie machte mir klar, dass sie diesen Weg gehen möchte, um ihrem 11jährigen Sohn und ihrem Mann den Anblick des Elends – so nannte sie es – zu ersparen.

Sie wollte ihren letzten Schritt in der Schweiz alleine gehen. Ihre beste Freundin lehnte es ab, mit Ihr zu kommen und bei Ihr zu sein, denn sie kann es einfach nicht.

Unüberlegt sagte ich damals zu ihr, dass doch ich mitkommen könne. Sie sagt spontan: „Warum nicht? Besser als alleine zu sterben.“
Mein Vorschlag war unüberlegt und dumm. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich emotional dazu in der Lage bin, beim Sterben eines Menschen dabei zu sein, nicht virtuell, sondern live und real.

Meine erste und sicher nicht letzte schlaflose Nacht folgte, denn mir wurde bewusst, was ich gerade beschlossen hatte. Ein Zurück wäre feige gewesen, denn ich hätte damit den letzten Willen eines todgeweihten Menschen abgelehnt.

So beschloss ich, die letzten Monate von Carolin festzuhalten und das Buch „Todestag“ in den letzten 12 Stunden eines Menschenlebens zu schreiben.
Ich möchte das Schreiben mit dem Exitus beenden und weder ein Pro noch ein Kontra für die aktive Sterbehilfe publizieren, sondern ausschließlich unvoreingenommen berichten. Jeder Leser soll sich nach der Veröffentlichung meines Buches sein eigenes Urteil über dieses Tabu Thema bilden.

So beginnt mein Blog,ich möchte die ersten Ereignisse meines Projektes hier im Tagebuch niederschreiben. Ob ich es schaffe oder das Projekt abbreche, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Wir werden sehen.

Folgt mir zu einem Tabuthema, das uns alle einmal unaufhaltsam treffen wird. Ob reich oder arm, ob gesund oder krank, jeder von uns wird sterben. Wir können den Gedanken an das Sterben zwar verdrängen, aufhalten werden wir es nicht.

Ich starte auf eine ungewisse Reise mit ungewissem Ausgang …

Weitere Infos:

http://blog.tagesanzeiger.ch/hugostamm/blog/2013/10/28/macht-es-sinn-das-leben-mit-allen-mitteln-zu-verlaengern/

http://www.spiegel.de/panorama/belgien-beschliesst-aktive-sterbehilfe-fuer-minderjaehrige-a-952817.html

Adventsverlosung

Liebe Leserinnen und Leser,

heute ist der erste Advent, eine wunderbare Zeit beginnt. Dabei ist es zweitrangig ob man nun aktiv Weihnachten feiert oder nicht. Jedem ist es selber überlassen in den Massen mit zu schwimmen, oder einzeln den Advent und die Vorweihnachtszeit auf seine Art zu genießen.

Eine besinnliche Zeit ist der Advent auf jeden Fall, eine Zeit in der man sich besinnt, das vergangene Jahr Revue passieren lässt und Pläne für das neue Jahr schmiedet.
Ein gutes Buch gehört dazu ebenso wie der Glühwein,Tee oder andere Leckereien dazu.
Ich möchte Euch eine besondere Aktion nicht vorenthalten, den eBook Adventskalender.
Dort bieten viel teilnehmende Autoren ihre Werke zu besonders günstigen Konditionen an.
Den ganzen Advent lang.Mit einem täglich wechselnden Angebot.Das besondere daran, es handelt sich um hochwertige eBooks aus jedem Genre,ob Liebesroman,Thriller,Ratgeber oder Sachbuch, für jeden wird etwas dabei sein.

Das ganze Angebot findet Ihr unter www.ebook-kaufen.com/aktion
Am einfachsten abonniert Ihr den Newsletter, dann seid ihr immer auf dem laufenden und verpasst keine Angebote mehr. Zum Newsletter gelangt ihr hier: ebook-kaufen.com/newsletter
und auf Facebook: facebook.com/events/378516772301141/

An dem 1. 12. gibt es schon die ersten tollen Angebote, unter anderem auch mein Kochbuch
Kochen frei Schnauze ” für 99 Cent.

Nun wünsche ich Euch einen wunderschönen Advent und viel Spaß beim Lesen.

Lebt das Leben in vollen Zügen.

Euer
Martin Bühler

Werden und Sterben

Höhepunkte des Lebens

Leben und Tod, Freuen und Schrecken, Werden und Sterben.
Macht sich ein schweigsamer Friedhofsgärtner mit Hang zur Biologie Gedanken zur Welt und zu ihren Bewohnern, dann könnten diese zunächst nüchtern erscheinen, distanziert oder kühl. In Wahrheit kann ein Blick auf die Welt kaum tiefgehender sein als der Denkstrom eines Menschen, der hinter Naturschauspielen und Evolution, hinter Geburt und Tod, hinter Religion und Wirtschaft, hinter ländlichen Traditionen, Kriegserinnerungen und den alltäglichen Abläufen eines Friedhofs die biologischen Erklärungen und Zusammenhänge durchleuchtet. Er hält sie gegen das Licht, um ihre tiefliegenden Strukturen und Muster zu erkennen und sich daraus sein eigenes Bild des Lebens zu erbauen. Für jemanden, dem es nicht wichtig ist, ob er sich nun über den Sinn des Lebens oder das Geräusch von Steinen, die ins Wasser plumpsen, Gedanken macht, kann die Zeit stillstehen. Sie kann nach vorne rutschen, zurückfallen, entgleiten. Was bleibt, ist nicht die verlebte Zeit, sondern sind Erlebnisse, Gedanken, Erkenntnisse und die tiefe Gewissheit, mit jeder Überlegung ein bisschen mehr zu verstehen davon, was die Welt im Innersten zusammenhält.

La Gomera

La Gomera

La Gomera

„Kleine Insel im großen Atlantik! Als Kleinod meiner Träume habe ich dich gefunden auf der Flucht vor der Zivilisation.“

Wenn man als Naturwissenschaftler, geprägt von der rationalen Denkweise und dem Pragmatismus Deutschlands, auf La Gomera landet, betrachtet man Wolken, Wind und Wasser so detailliert, dass einen fast der Wunsch verfolgt, die physikalischen Vorgänge hinter jedem Naturschauspiel nicht mehr zu kennen.
Und auch die Einwohner selbst sind ein liebenswertes und sympathisches Rätsel, das es spätestens dann genauer zu durchleuchten gilt, wenn Familienstreitigkeiten, kanarische Sturheit, charmante Gelassenheit und Lebensgeschichten aufeinanderprallen. Wer weiß nach diesen Erfahrungen schon, ob sie das eigene Leben und Wesen nicht plötzlich ein wenig verändern?

Der Führer, die Schuldgeneration und unsere Politik!

Der Führer,die Schuldgeneration und unsere Politik!

Der Führer,die Schuldgeneration und unsere Politik!

Hitler war ein psychologisches Naturtalent. Mit seiner Überzeugungskraft schuf er ein Feindbild, und dieser hypothetisch geschaffene Feind musste vernichtet werden. Als Versager und Eigenbrötler zimmerte er sich sein eigenes Weltbild, das von seinen Jugenderlebnissen geprägt und getragen wurde. Alles, was sich gegen seine Thesen stemmte, erklärte er zum Feind. Für diese seine Idee kämpfte er mit dem Einsatz seines eigenen Lebens. Seine unzähligen Schlachten in der Unterwelt unterstützte er mit einer Massenpsychose. Seine Reden waren überzeugend, brillant und anziehend, weil er an seine göttliche Sendung selbst glaubte. Auf dem Nährboden eines gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Chaos fand er reichlich Mitstreiter. Seine „alten Kämpfer“ schreckten vor keiner Brutalität zurück.

Er selbst zog alle Register der Massenpsychologie. Von der katholischen Kirche übernahm er sein göttliches Sendungsbewusstsein. Als Messias gefeiert, zeigte er den Weg in eine glückliche Zukunft. Die Konflikte der Weimarer Republik kompensierte er mit seiner Einheitspartei, die er als Symbol des Volkes propagierte. Sein Versprechen den Versailler-Vertrag zu sprengen, kam dem entrechteten Volk entgegen. Es gab Hoffnung und Zuversicht!

In eine familienlose Welt hineingeboren und als Hilfsarbeiter dahinvegetierend, kannte er das Elend der arbeitenden Masse. Er rühmte den Wert der Familie; der manuellen Arbeit gab er einen hohen Stellenwert. Er selbst fungierte als selbstloser Asket, der nur für das Wohl des Volkes arbeitete. Sein Propagandist, Josef Goebbels, blickte in seinen Reden zu seinem Führer auf. Als Klosterschüler schlug er die religiösen Widersacher mit den Waffen der katholischen Kirche. Seine Stimme war weich und gewinnend, wie die Predigt eines Priesters. Hitler und Goebbels waren so blendende Redner, dass sie die Gräueltaten der SS und SA trefflich überspielten.

Für diese weitgefächerten Ideale des Nationalsozialismus brauchte man Kämpfer, Helden, Märtyrer. Hitler träumte von einem „Tausendjährigen Reich“. Dafür brauchte er die Jugend, denn sie ist der Träger des künftigen Volkes. Sie glaubt noch an Ideale, ist begeisterungsfähig und gebiert Helden. Helden-Epen wurden in der gängigen Literatur zielbewusst dargeboten. Die Etrusker, Germanen, Wikinger bis zu den Märtyrern des Nationalsozialismus dienten als Vorbilder. Für Helden galt keine moralische Hemmschwelle. Nach antikem Vorbild musste der Gegner seelisch und körperlich vernichtet werden. Damit war der Mord des Gegners legitimiert und salonfähig. Die vormilitärische Ausbildung bot eine psychologische Vorbereitung. Der Geländekampf endete mit dem Tod der gegnerischen Soldaten. Anstelle humanistischer Bildung nahm das Kriegsspiel die Freizeit dieser Jugendlichen ein. Toben und Kämpfen begeisterte die aufgeweckte Jugend mehr als Lernen und Gehorchen.

Wer hatte diese Kinder der spartanischen Erziehung des Elternhauses entzogen? Es waren fanatische Lehrer, Beamte, die in Behörden eingeschleust worden waren, damit sie ihr parteipolitisches Soll erfüllten. Nicht mehr die Leistung, sondern nur die parteipolitische Aktivität bestimmte die Karriere dieser politischen Senkrechtstarter.

Plötzlich war der Lehrer die Zentralfigur des Dorfes. Kinder, deren Eltern der Einheitsschule nicht zustimmten, bekamen jeden Morgen vier bis sechs Tatzen. Damit trug man die politische Auseinandersetzung auf den Schultern der Kinder aus. Schmerzlich für die Kinder, die als staatsfeindliche Exoten isoliert wurden.

Wenn die Kinder zum Kriegsspiel nicht erschienen, mussten sie am Wochenende Strafdienst im weit entfernten gegenden leisten. Wenn Kinder auf die Schuld ihrer Eltern verwiesen, bekamen die Eltern drakonische Strafen. So wurde auf legalem Wege die Erziehungsgewalt den Eltern entzogen.Diese politische Maßnahme erzeugte Resignation und Einschüchterung. Den Kindern zuliebe bröckelte der Widerstand der Eltern.

Bei Luftkämpfen in der schwäbischen Gegend stürzte ein vermeintlicher Feindflieger ab. Der Pilot pendelte am Fallschirm. Die Dorfjugend stürmte mit HJ-Dolchen zur Absturzstelle um den wehrlosen Feind zu exekutieren; die Enttäuschung war groß , denn es war ein deutscher Pilot!

Selbst als die Feindtruppen im Herzen Deutschlands kämpften, stellten sich die Schulkinder unter dem grausigen Namen „Werwolf“ dem Feind. Dieses wehrtechnisch sinnlose Unterfangen beweist, wie tief das Feindbild den Jugendlichen eingraviert wurde.

Die braunen Machthaber wussten genau, dass der Mensch – wie jedes Individuum – in der Entwicklungsphase geprägt wird. Eine psychoanalytische Betrachtung beweist, dass die Erziehung im frühesten Kindesalter beginnen muss. Im Gen-Muster sind alle Erbanlagen jungfräulich, also unberührt, gelagert. Es sind deren Tausende. Die Palette erstreckt sich von Brutalität bis zu Sanftmut und Sensibilität. Die Erziehung fördert oder unterdrückt die im Gen-Muster fixierten Eigenschaften.

Schulkinder folgen gerne ihrem Herdentrieb. Die Meinung der Kameraden zählt mehr als die der Eltern. Sie identifizieren sich mit den Altersgenossen, tragen ihren eigenen Haar- und Kleidungsstil. Als Pimpfe im Jungvolk organisiert, waren sie stolz auf ihre Uniform. Mit dem ersten Hormonschub formt sich die Persönlichkeit. Neugierig suchen sie Risiken und die Grenzen ihrer Möglichkeiten. Ihre eigenen Wert- und Moralvorstellungen förderte die Hitlerjugend.

Fast erwachsen, ist die Persönlichkeit geformt. Jetzt sucht der Jugendliche sich selbst zu verwirklichen. Er engagiert sich sozial und politisch mit idealistischen Moralvorstellungen. Sport und vormilitärische Ausbildung gingen bis an die Grenzen körperlicher Belastung. Nicht gezwungen, sondern vom jugendlichen Ehrgeiz getrieben, spornte sich die Jugend gegenseitig an und erbrachte Höchstleistungen. Das Leitmotiv war: „In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist!“ Damit schluckte die Massenbewegung den „Deutschen Turnerbund“. Die Olympiade 1936 demonstrierte die Leistungsstärke deutscher Sportler, die im Flair nationalsozialistischer Propaganda sensibel eingebaut war.

Neben der körperlichen Ertüchtigung spielte die Erziehung eine dominierende Rolle. Der Geschichtsunterricht trug den Stempel parteipolitischer Ansichten. Alte Volkslieder von Silcher, Uhland und so weiter wechselten mit dem „Horst-Wessel-Lied“. Der erste Mai, der Tag der Gewerkschaften, bekam neuen Glanz als „Tag der Arbeit“. Altes Brauchtum wie die Sonnenwendfeier und das Erntedankfest vereinnahmte die Hitlerjugend als ihre Hochfeste im Zyklus des Jahres.

Uniformen, Fackelzüge und Fanfaren läuteten eine neue Zeit ein, ein Erwachen aus der Lethargie der Hoffnungslosigkeit. Begriffe wie Heimat, Volk und Vaterland wurden umgemünzt in

„ Ein Volk, ein Reich, ein Führer!“

Die Jugend schwelgte in der Euphorie der Begeisterung. Die Medien und die wirtschaftlichen Erfolge peitschten die Jugend bis zum Fanatismus und bedingungsloser Opferbereitschaft auf. Sie riss ihre Väter in den Strudel der modernen Entwicklung.

Wer sich dieser Aufbruchsstimmung widersetzte, galt als Staatsfeind, als Verräter; und wer wollte sich durch solche diffamierenden Anschuldigungen als Widerstandskämpfer brandmarken lassen?

Es waren meistens Kinder, die ihren Eltern bedingungslos gehorchten. Es waren konservative Eltern, die hinter dem Strohfeuer nationalsozialistischer Erfolge Gewitterwolken drohender Gefahr sahen. Autoritäre Eltern ließen aus religiösen, ethischen oder moralischen Gründen ihre Sprösslinge nicht in die Masse der Hitlerjugend eintauchen.

Für die Kinder baute sich ein Leidensweg auf. In der Schule spürten sie die Härte nationalsozialistischer Erziehung. Bei den Altersgenossen spürten sie Ablehnung und Spott. Mit seelischen Schäden und Minderwertigkeitskomplexen trugen sie das Los eines Außenseiters. Wohl die schlimmste Strafe, die einem Jugendlichen passieren kann. Für sie war die Zukunft hoffnungslos, denn ohne Parteiaktivitäten gab es weder Begabtenförderung noch den Eintritt in eine Behörde. Verbeamtete Eltern traf es hart. Sie wurden aus dem Staatsdienst entfernt und vegetierten mittellos dahin. Freiberufler oder Unternehmer bekamen keine Staatsaufträge mehr, während die Konkurrenz mit Behördenaufträgen überschüttet wurde.

Staat und Partei schmolzen zu einer Einheit und wer sich in diese Einheit nicht einfügte, dem wurde der Brotkorb höher gehängt. Wie der Dompteur seine Dressur mit Leckerbissen unterstützt, so erfolgte im Dritten Reich die Belohnung mit Zuwendungen, Beförderungen und Ehrenplaketten.

Erst resignierten die Eltern, dann die akademische Oberschicht. Parteiorgane und die „Geheime Staatspolizei“ kontrollierten flächendeckend die Gesinnung der Bürger. Die Sippenhaft erfasste selbst weitläufige Verwandte der Widerstandskämpfer. Im schlimmsten Falle requirierte der Staat das Privatvermögen. Hohe Richter, angesehene Beamte suspendierte man entschädigungslos von ihren Ämtern. Wenn es um Ansehen, Beruf und die Existenz der gesamten Familie ging, schlotterten den meisten Beamten die Knie. Sie fügten sich den braunen Machthabern. Oft waren es unfähige Beamte, die ihren Vorgesetzten denunzierten, um die Stelle des Kollegen zu ergattern. Ein parteipolitischer Grabenkampf, der kaum an die Öffentlichkeit drang. Nicht mehr die Leistung, sondern die politische Gesinnung bestimmte das Schicksal eines Bürgers. Selbst souveräne Persönlichkeiten polte der Nationalsozialismus zu willenlosen Staatsdienern um.

Signifikant und publik ist das Schicksal von Professor Kurt Huber, der in Verbindung mit den Geschwistern Scholl 1943 hingerichtet wurde.

Er hatte einen großen Namen als Philosoph und Humanist. Die Pflege des Volksgutes – insbesondere des reinen Volksliedes – machten ihn über die deutschen Grenzen hinaus bekannt. Von den Nationalsozialisten solange hofiert, bis seine konservative Einstellung unübersehbar war. Die Partei versenkte ihn in die Anonymität. Für 300 Reichsmark fristete er mit seiner fünfköpfigen Familie ein erbärmliches Leben. Er, souverän und unbeugsam, nahm diese Demütigung hin; seine Frau kapitulierte. Ohne sein Wissen meldete sie ihn zur NSDAP an. Mit einem fürstlichen Gehalt kam er umgehend zu Amt und Würden. Sein späteres Schicksal ist bekannt.

Das Schicksal von Kurt Huber traf tausende charakterstarke Persönlichkeiten der älteren Generation. Niemand hat ihren Leidensweg, ihre Todesängste registriert, im Gegenteil, sie galten als Verräter und Volksschädlinge. Ob wirtschaftlich ruiniert, in Sicherheitsverwahrung oder dem Henker ausgeliefert, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit waren das gemeinsame Schicksal. Selbst bei der geringsten Äußerung schwang die Todesangst mit, denn welcher Angeklagte konnte erahnen, welche Verbrechen ihm die Justiz anlasten würde. Das erblühende Deutschland war so überzeugend, dass selbst der größte Pessimist kein Ende der Diktatur absehen konnte.

Jedes menschliche Leben, das aus politischen Motiven ausgelöscht wurde, war ein Lustmord eines karrieregeilen Richters. Jedes Todesurteil löste bei den Angehörigen eine Lawine von Leiden aus!

Der Blutrausch in den Vollzugsanstalten des „Dritten Reiches“ war der Höhepunkt des „arischen Herrenmenschen“ und der Untergang des Humanismus! Nicht unbestechliche Rechtsgelehrte führten die Mörder zum Galgen, sondern Massenmörder führten die Humanisten zum Schafott! Diese himmelschreiende Ungerechtigkeit ließ die Saat für neue Grausamkeiten keimen. Marksteine der letzten 50 Jahre:

  • Exekutionen in Nürnberg
  • Todesurteile der „Landsberger Rotjacken“
  • Mehr als hundert weitere Kriege

Der politische Wahnsinn trug seine Todeswellen bis in den bürgerlichen Bereich. Im Geiste des Materialismus kämpfte jeder gegen jeden.

Was früher ein Privileg des elitären Geldadels war, ist heute auch die Praxis des kleinen Mannes. Um jede Lappalie wird prozessiert. Es stört der Glockenschlag, der Hahnenschrei des Nachbarn.

Bei Handelsgeschäften galten früher mündliche Vereinbarungen, das Ehrenwort, der Handschlag. Diese Praxis wird heute belächelt. Bei Gericht sind nur schriftlich fixierte und von Juristen abgefasste Verträge gültig. Arbeitgeber prozessieren mit den Gewerkschaften. Selbst innerhalb der Familie wird prozessiert.

Ein altes Sprichwort sagt: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt!“ Jeder notorische Prozesshansel kann einen Pulk von friedliebenden Bürgern vor Gericht zerren. Nicht der materielle Vorteil ist entscheidend, sondern die unüberwindlichen Barrikaden von Feindschaft, Hass und Rache sind es, die das gesellschaftliche Leben vergiften. Je höhe die soziale Stellung, desto brutaler die Prozessführung. Nicht wer Recht hat bekommt Recht, sondern wer die brutalsten Argumente – unterstützt von zweifelhaften Zeugen – ins Feld führt, ist der Gewinner. Im Klartext heißt es, dass der Schwächere von der Macht des Geldes erdrückt wird.

Konzerne fraßen kleinere Industriebetriebe und wuchsen zu internationalen Dinosauriern.

Nicht gesteuert ist die Vermehrung unserer Politiker. Sie vermehren sich wie Papageien in den Tropen. Sie ordnen sich nicht ein, sondern plustern sich auf wie Königssittiche. Sie vermehren sich nicht geschlechtlich; solange das Futtersilo gefüllt ist, wandern immer neue Paradiesvögel zu. Im goldenen Käfig des Bundestages zeigen sie ihr schönstes Federkleid. Die Halsbinde als Farbklecks ist Ausdruck der Stimmung. Sie wechselt von schwarz bis punkfarben. Wie in jeder Voliere herrscht eine strenge Hackordnung. Während der Alt-Vogel von seiner höchsten Sitzstange – dem Podium – seine Sprachbegabung demonstriert, zwitschern die Jungvögel und Küken ein melodisches Pfeifkonzert, Ausdruck von Gehorsam und Beifall!

Die Artenvielfalt von Sittichen ist unerschöpflich. Sie reicht vom Wellensittich über Prachtrosella bis zum Pennantsittich, einer farbenprächtiger als der andere.

Extrem wird die Debatte, wenn es um politische Auseinandersetzungen geht. Jeder Gernegroß ereifert sich bis zur Ekstase, um vorgefertigte parteidienliche Argumente vorzutragen. Dann gleitet das hohe Haus in ein Tollhaus ab, in dem die Gossensprache für Furore sorgt. Je mehr Volksvertreter zusammengepfercht werden, desto mehr zerhacken sich die Streithähne. Ein hochdotierter Hahnenkampf, in dem das Preisgeld der arbeitende Bürger zahlt. Solange der Volksvertreter dem Volk nicht dient und den Staat als Selbstbedienungsladen für seine eigene Machtposition ausnützt, ist die Politikverdrossenheit begründet!

Das Co-op Unternehmen, mit den hartverdienten Beiträgen der Arbeiter aufgebaut, plünderten die Funktionäre bis zum Zusammenbruch aus.

Franz-Josef Strauß soll in seinem kurzen Leben mehr als 20 Millionen auf die hohe Kante gebracht haben. So nebenbei führte er seine persönlichen Freunde zu europäischen Konzernen. Die Firmen März und Mocksel machten Millionengewinne, während die Bauern ihre Schlachttiere unter dem Gestehungspreis verkaufen mussten.

Der einfache Bankkaufmann Gerold Tandler, ist König des Wallfahrtsortes Altötting. Nach neuesten Berichten soll er beim Millionenbetrug des Bäderkönigs Zwick seine Hand im Spiel haben.

Max Streibel, der biedere Landesvater, ist verwickelt in die Amigo-Affäre.

Albert Vietor, hochkapitalistischer Gewerkschaftsboss, machte seine „Neue Heimat“ zum größten Baukonzern der westlichen Hemisphäre, bis er 1982 mit seiner gigantischen Neue-Heimat-Affäre in Schimpf und Schande seine Ämter verlor. Heinz Oskar Vetter, fanatischer Nationalsozialist und noch schärferer Gewerkschaftsboss, vor dem die Tarifpartner zitterten, ging nach dem gigantischen DGB-Skandal 1982 unter. Bei solchen versschachtelten Organisationen sind es immer Gruppen von Tätern, denn ein Einzelner ist dazu nicht fähig.

Mit Angst blicke ich in die Zukunft. Das soziale Umfeld ist mit hochexplosiven Minen verseucht, gelegt von Wirtschaftsbossen und Politikern. Dem freien Unternehmer ist es nicht zu verargen, wenn er auf den politischen Wink mit dem Zaunpfahl reagiert: Kaufe Staatsaufträge mit Parteispenden!“

Wer nicht zur privilegierten Oberschicht gehört, den treffen die Steuergesetze hart. Selbst eine routinemäßige Steuerprüfung saugt aus einem Betrieb noch Steuerreste. Schikanen und Zeitaufwand sind manchmal größer als die Ausbeute. Die Beamten und die Steuerberater ersticken im Wust von Formularen und Vorschriften. Kleine Bauern, die früher nach ihrer Betriebsfläche pauschal veranlagt wurden, brauchen heute eine Bilanz und einen Steuerberater, ja kein Pfennig der Steuergerechtigkeit entgeht. Der Wildwuchs der Bürokratie überwuchert jede Produktionsstätte.

Unsolide Politiker, zweifelhafte Gesellschaften und Spekulanten schossen in wenigen Jahren wie Pilze aus dem Boden. Es sind die vielgerühmten Millionäre und Milliardäre, mit denen unsere Politiker den Staat machen. Diese abgrundtiefe Kluft zwischen arm und reich gibt Sprengstoff für die Jahre der Rezession. Jetzt 2014 stehen alle Zeichen auf Sturm. Das Ende des Jahrhunderts endet nicht nur mit einer wirtschaftlichen Katastrophe, die in eine Revolution ausarten kann. Um dies zu belegen, beleuchte ich die Entwicklung unseres Jahrhunderts.

Vor Hitler gab es ein steriles Bürgertum mit festgezurrten Moralbegriffen. Ehrlich, wahr, treu, heimatverbunden und unpolitisch, aufgebaut auf dem traditionellen Humanismus. Hitler rollte diese Gesellschaft über die Jugend auf. Er vermischte diese ethischen Begriff mit der Politik, der Macht und dem Rassismus. Was der Propaganda an Glaubwürdigkeit fehlte, wurde durch ständige Wiederholungen durchgesetzt. Nur so ist der Fanatismus der meisten Soldaten zu verstehen, mit dem sie bis zum Zusammenbruch kämpften.

Der Wiederaufbau war nur ein Kampf ums Überleben. Er gelang nur, weil sich der Erfindungs- und Ideenreichtum des Bürgers frei entfalten konnte, denn Behörden und Politiker standen schwer belastet in ihren Startlöchern. Die Großindustrie war zerstört oder ausgeraubt, sie hatte keine Bedeutung mehr.

Zumindest die Nachkriegszeit bewies, dass die Politik und Wissenschaft alleine wertlos waren. Die Fundamente der Nachkriegszeit wurden in den ersten Jahrzehnten von der produktiven Bevölkerung geschaffen: den Arbeitern, Bauern und Handwerkern. Selbst der praxisfremde Akademiker griff zu Pickel und Schaufel um zu überleben. Die Leistungen der „Trümmerfrauen“, heimgekehrten Soldaten, Flüchtlingen und den Kindern gingen oft über die physischen Kräfte.

Familien buddelten aus Ruinen Ziegelsteine aus und bauten Notunterkünfte. Aus Schrott entstanden Gebrauchsgegenstände. Faulendes Klaubholz aus den Wäldern war oft der einzige Brennstoff. In mühsamer Arbeit sammelten hungernde Kinder die letzten Ähren eines abgeernteten Ackerfeldes oder sie klaubten die restlichen Kartoffeln zusammen. Zuckerrüben oder Straßenäpfel ergänzten den Speisezettel. Die Kleintierzucht florierte bis in die elegantesten Stadtviertel. Die Not machte erfinderisch, sie förderte Nachbarschaftshilfe und Kameradschaft. Noch nie wurde das tägliche Brot so geschätzt wie in der Phase des Aufbaus; dabei war alles zufrieden und anspruchslos. Es würde Bände füllen, wenn man die damalige Situation beleuchtete.

Auf dieses Substrat eines bescheidenen Wohlstandes pfropften die Politiker einen Mammutbaum, der zum Himmel schoss und nun unter den Früchten des Wirtschaftswunders zusammenbricht!

Die Produktivität eines Staates hängt weitestgehend von der Leistung seiner Politiker ab. Die Auslese deutscher Nachkriegspolitiker stand unter keinem glücklichen Stern. Die Besatzungsmacht duldete nur unterwürfige Memmen. Hitlers Führungskräfte, die zu ihrer Vergangenheit standen, darbten in Internierungslagern. Aalglatte Schleimer, die ihre Gräueltaten leugneten, drängten an den Futtertrog. Sie verdrängten sogar die wenigen Widerstandskämpfer des „Dritten Reiches“. Nicht Arbeitsbienen, sondern Drohnen stiegen wie Kometen in den politischen Himmel. Sie genossen den Nektar fremder Arbeit! Farblose Nachtfalter sammelten sich am spärlichen Licht beginnender Konjunktur!

Die einstigen HJ-Führer, die das Dorf tyrannisierten, mauserten sich zu Kulturträgern und Vorbildern. Als Gemeinderäte, Vereinsvorstände und Zeitungsreporter prägten sie das Dorf der Nachkriegszeit. Nazis, die sich durch ihre Brutalität in kommunale Behörden eingeschlichen hatten, erreichten als Bürgermeister einer Kreisstadt neue Machtbefugnisse. Die Blutrichter Hitlers erkletterten die höchsten Politikerposten der Bundesrepublik. Als biedere Ehrenmänner wetterten sie gegen die Verbrecher der Nazizeit. Sie rechneten mit der Vergesslichkeit ihrer Mitbürger; dabei war doch das Land wie eine Glaskuppel, wo jeder jeden kannte.

Die Macht ist wie eine Droge, sie kennt keine moralische Hemmschwelle, sie metzelt alles nieder, was ihr entgegensteht. Deshalb sind viele Prominente der Nachkriegszeit konvertierte Nazis, die an Brutalität nichts einbüßten.

Hitler hatte seinen braunen Staat wie eine Pyramide aufgebaut. Jeder Führer wurde von der nächsthöheren Instanz überwacht. Keiner konnte seine Befugnisse überschreiten. Fähige Fachleute organisierten die Forschung, die Wirtschaft und die Politik. Nur so ist es zu verstehen, dass die Wirtschaft und die Gesellschaft bis zum Zusammenbruch funktionierten. Jeder kleine Bürgermeister trug Verantwortung und war die Anlaufstelle des Bürgers.

Fluch der Arbeit!

Ein vom Metallarbeiter zum Gewerkschaftsboss aufgestiegener Funktionär musste seinen „Hut“ nehmen, denn die Manipulation mit betriebseigenen Aktien kreideten ihm seine Gegner schwer an. Trotz seiner Spekulationsgewinne kassierte er von der Arbeiterkasse ein „kleines Trinkgeld“ von einer Viertelmillion als Ablösesumme.

Ein wegen einer Korruptionsaffäre (Amigo) abgelöster Ministerpräsident, kassierte als „Trostpflaster“ ein Ruhegehalt von etwa zwanzigtausend D-Mark, plus Staatskarosse, plus Angestellten.

Nur die jeweilige Spitze des „Eisbergs“ kommt an die Öffentlichkeit, alles andere schwimmt im dunklen Meer der Parteien. Die Details der Skandale lesen sich in der Presse wie Kriminalfilme. Was dem Bürger als Demokratie verkauft wird, ist ein skrupelloser Machtkampf. Vom Bürgermeister bis zum Ministerpräsidenten gilt jeder als unfehlbarer Halbgott. Ihnen ist alle Macht gegeben, im politischen Himmel und auf Erden. Die Sprache ist ihre einzige Waffe. Damit rennen sie von einer Massenveranstaltung zur anderen, lassen sich feiern und bejubeln. Egozentrisch propagieren sie ihre imaginären Leistungen, die sie nie erbracht haben.

Sie verteilen Zuschüsse aus Staatsgeldern und offerieren diese als ihr Geschenk. Die Staatskasse als Reservoir für Notzeiten wird in der Hochkonjunktur ausgeplündert. Ein Verschwender, der fremde Vermögen verschleudert, handelt kriminell. Eine Familie, die über ihre Verhältnisse lebt, landet im Armenhaus. Ein Staat, dessen Politiker hartverdiente Steuergelder verschwenden, endet im Ruin. Die Großmannssucht erlesener Politiker spiegelt einen Schein-Reichtum wieder. Der von ihnen verschuldete Schuldenberg dokumentiert das wahre Gesicht, nämlich Armut und Chaos.Für die junge Generation ist dieses Chaos vorprogrammiert, obwohl bezahlte Wissenschaftler den Fortbestand des goldenen Zeitalters prophezeien.

Beleuchtet man die jüngste deutsche Geschichte, findet man immer wieder Parallelen. Hitler ist mit seinen Beratern am militärischen Größenwahn gescheitert. Die Bundesrepublik ist mit ihren Wirtschaftswissenschaftlern am wirtschaftlichen und industriellen Größenwahnsinn gescheitert!

Die Gründe sind vielschichtig. Ich versuche sie zu beleuchten:

  1. Das Markenzeichen „Made in Germany“, Symbol für Erfindung und Forschung, ist zum teuren aber mittelmäßigen Etikett abgedriftet.
  2. Die Konzerne werden nur noch von Juristen und Wirtschaftsexperten geleitet. Der Forscher ist zum Befehlsempfänger degradiert. Damit fehlt der Weitblick für eine zukunftsorientierte Entwicklung.
  3. Unfähige Gewerkschaftsfunktionäre und Politiker sitzen in den Aufsichtsräten. Deshalb wandern Gelder als Parteispenden und für soziale Zwecke in undurchsichtige Kanäle.
  4. Die Hochschulen sind finanziell ausgeblutet. Sie sind Produktionsstätten für Massenware. Namhafte Wissenschaftler wandern in die Industrie oder ins Ausland. Nur die Hochschulen, die für die Industrie zielbewusst arbeiten, schwimmen im Wohlstand!

Was in den Schaltstellen der Konzerne praktiziert wird, wäre das Todesurteil für einen kleinen Handwerksbetrieb.

Wenn die Blindgänger aus der Politik und der Gewerkschaft als Aufsichtsräte in den Konzernen ohne Leistung mit astronomischen Summen abgespeist werden, dann lassen sie sich auch andere Leistungen entsprechend bezahlen.

Kurzprosa ist fester Bestandteil unserer Politik.Erinnern wir uns an die Affären von Helmut Kohl.Und heute ist es nicht anders.

Was uns als Demokratie verkauft wird ist in Wirklichkeit das Überbleibsel der Schuldgeneration.

Ihr
Martin Bühler

Schattenlicht, Teil 1

EINLEITUNG

Die Masse des Volkes war arm, sogar bettelarm an materiellen Dingen, dafür aberreich an ideellen Werten. Die Not schweißte die Familie zusammen zu einem Hort der Geborgenheit. Moral, Charakter und persönliche Entfaltung dominierten vor Egoismus. Der Gemeinschaftsgeist war so ausgeprägt, dass das gesamte Dorfetwas beisteuerte, wenn eine Familie in Not geriet. Brannte zum Beispiel ein Bauernhaus nieder, sammelten die Nachbarn nicht nur im eigenen Ort, sondern in allen umliegenden Dörfern Lebensmittel und Futtervorräte für die Geschädigten. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass jede Familie tagelange Frondienste leistete, um das abgebrannte Gebäude wieder aufzubauen. Wenn eine altersschwache Kate abbrannte, lästerten Spötter oft: Die ist nicht ab-, sondern aufgebrannt!
Nur der Gemeinschaftsgeist hielt ein Dorf zusammen, es war autark. Es verwaltete sich selbst, somit kamen auch keine dirigistischen Einflüsse von außen. Die Familie war eine gesunde Zelle, das Dorf ein gesunder Zellhaufen im Staat. Diese Gesellschaftsform hatte alle Krisenzeiten in Jahrhunderten überstanden.
Der Versailler Vertrag und das Versagen der Weimarer Republik führten zu einem Chaos. Aus diesem Substrat entstand die nationalsozialistische Bewegung. Hunger, Not und Verzweiflung gaben dem Millionenheer von Arbeitslosen keine Zukunft. Die arbeitswillige Jugend klammerte sich an jeden Strohhalm, selbst wenn es nur leere Versprechungen politischer Kräfte waren. Unbeschreiblich war die Not in den Industriestädten. Mir läuft es heute noch kalt über den Rücken, wenn ich an die blassen, ausgehungerten Kinder des Ruhrgebiets denke.
Meine Aversion gegen skrupellose Macht hat mir das Leben immer schwer gemacht. Damit eckte ich an allen Enden an. Sobald ich einem Potentaten den Spiegel vor das Gesicht halte, habe ich ihn zum Todfeind. Dies ist der „rote Faden“, der sich durch alle Teile dieser Erzählung zieht. Ich bin auch rücksichtslos gegen mich. Meine Aufzeichnungen stellen keine Autobiographie im engeren Sinne dar. Die persönlichen Erlebnisse geben nur den Rahmen, der durch den zeitlichen Ablauf geordnet ist. Ich möchte einfach nur erzählen, wobei die einzelnen unbehauenen Typen die Würze in den Geschichten geben. Gerade weil wir uns von der Natur so weit entfernt haben, flechte ich immer wieder biologische Vergleiche ein. Ich will auch nicht belehren, sondern nur all denen Mut und Hoffnung machen, die im Wellental des Lebens der Verzweiflung nahe sind.

KINDHEIT

LAND UND DORF

Demjenigen, der im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts das Licht der Welt erblickte, standen turbulente Zeiten bevor. Wer von dieser meiner Generation in Ehren alt wurde, muss seinem Schöpfer danken. In Ehren alt zu, werden heißt in einer Zeit der regierenden Massenbewegung und des Mordens, sein Gewissen nicht belasten, seine eigene Persönlichkeit bewahren und zwischen Gut und Böseunterscheiden. Dafür sind und waren Askese, Selbstbeherrschung und Ehrfurcht vor der Kreatur die Grundlagen. Diese Grundelemente ethischer Begriffe konnten sich nur in einem Elternhaus entwickeln, in dem neben Geborgenheit auch Moral und einfache Frömmigkeit den Alltag prägten. Ich hatte das große Glück, in einem bäuerlichen Elternhaus aufzuwachsen, wo in harter Arbeit der kargen Scholle die Früchte der Erde abgerungen wurden. Die Freizeit bestand aus Gebet und Meditation. Meine Eltern waren nicht Erzieher, sie waren Vorbilder. Wenn man ein Jahr nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg in armselige Verhältnisse hineingeboren wurde, stand einem keine goldene Zukunft bevor.
Deutschland, mein Vaterland, lag siechend darnieder. Die Grenzen waren mit dem Blut der Soldaten getränkt. Wenn bei uns in der schwäbisch-bayerischen Hochebene der milde Westwind wehte, brachte er noch den Geruch verwesender Soldatenleiber aus Frankreich mit.
Diese Hochebene ist ein raues Land. Im Süden halten die Allgäuer Alpen die milden Südwinde ab; nur hin und wieder dringt der warme Föhn über die hohen Bergketten. Dann wechselt eisiger Frost über Nacht mit milder Luft aus dem Süden. Hart und rau ist nicht nur unser Klima; rau und herzlich ist auch dieser keltische Menschenschlag.
Geologisch ist unsere Landschaft geprägt vom Gebirge. Riesige Gletscher wälzten sich vor Jahrmillionen vom Faltengebirge der Alpen nordwärts zur Donau. Sie schufen unsere Täler, weite Täler, schmale Täler, kleine Schluchten, die sich nach Norden verbreitern und im Donauried verflachen. Jedes Tal von der Iller bis zum Lech hat sein eigenes Gepräge, seinen eigenen Fluss oder Bach oder sein eigenes Rinnsal. Im Süden, dem Alpenvorland, stehen die Bauernhöfe wie Burgen auf den Anhöhen. Saftiges Weideland ernährt braune Kühe. Der Allgäuer Menschenschlag ist gemütlich, wortkarg und von geruhsamer Bedächtigkeit, denn reine Grünlandwirtschaft ist weniger arbeitsintensiv.
Je weiter es ins Unterland geht, desto größer werden die Dörfer, desto abwechslungsreicher wird die Vegetation, umso intensiver die Landwirtschaft. In den Tälern hat man Wiesen, auf den Hügeln Ackerland, unterbrochen von herrlichen Wäldern. Hier gibt es für die Bauern keine Ruhepausen. Frühjahrssaat, Heu- und Getreideernte, Kartoffelernte, Waldarbeit. Das folgt drängend auf das andere. Hier im Unterland muss jeder arbeiten, sogar Kinder und Alte. Selbst das kleinste Rinnsal ist eingespannt in den Arbeitsprozess.
Schon tausend Schritte südlich meines Dorfes Balzhausen wird die quicklebendige Hasel gebändigt. Ein Holzwehr versperrt ihren Lauf, ihr Wasser wird in einen engen Kanal gepresst, wo es ein riesiges Wasserrad treiben muss, dessen Kraft mit Transmissionen auf die vertikal schwingenden Sägegatter übertragen wird. Baumstämme der umliegenden Wälder werden scharfkantig zu Balken, Brettern und Latten geschnitten. Das der Kraft beraubte Wasser erholt sich im ausgeaperten Gumpen, kreist ein paar Mal schäumend, bis es ruhelos weiterfließt und neue Kräfte schöpft. Schon am Südrand des Dorfes wartet der alte Müller Karl. Gemächlich treibt er die Fallen runter, damit die Mühlsteine seiner alten Klappermühle angetrieben werden.
Der Mühlgumpen mit seinen alten Erlen ist Tummelplatz des Dorfes. Enten und Gänse streiten und lieben sich. Kinder baden. An lauen Sommerabenden waschen Bauernknechte ihre Ackergäule von Kopf bis Fuß. Anschließend durften wir Kinder durch die Schwemme reiten. Es war aufregend, wenn das Pferd den Boden unter den Füßen verlor und in Panik seinen Kopf über Wasser hielt und seine Nüstern blähte. Wie oft ist es vorgekommen, dass ein Pferd scheute, den Reiter abwarf, sich an der ausgefransten Böschung hoch strampelte, durchs Erlengebüsch zwängte, bis es wieder festen Boden unter den Beinen hatte und im Galopp durch die Dorfstraße zum heimatlichen Stall preschte, eine Staubwolke hinter sich lassend.
Außerhalb des Dorfes war der Bach frei. Er schlängelte sich durch Wiesen und Auen, mal schmal, mal breit, mal seicht, mal tief. Wenn es ihm unter schattigen Erlen oder buschigen Weiden gut gefiel, verweilte er in tiefen Gumpen. Die Zeit war für ihn kein Begriff. Nur das Gefälle, die Schwerkraft, beflügelte sein Temperament. Mochte er sein altes Bett nicht mehr, suchte er sich einen neuen Lauf. Niemand steckte ihn in eine Zwangsjacke. Seine Nährväter waren Regen und Schnee. Wenn er wild und wütend war, verweigerte er jede Arbeit. Er überschwemmte Wiesen und Felder, und wenn ihm Müller und Säger seinen Lauf nicht freigaben, zerriss er Wehre und Böschungen. Ein Abglanz der Urkraft der Naturgewalten.
Nach dem Mühlgumpen, innerhalb des Dorfes, musste er sich schwäbischer Ordnung fügen. Schnurgerade, mit gleichmäßigem Gefälle gezirkelte Uferböschungen bestimmten seinen Lauf. Hatte er einmal mehr Wasser, wurdedies am Ablass ins kleine Bächle geleitet. Die untere Kunstmühle mit ihrem Betonwehr und einer hochmodernen Turbine zeigte ihm die Macht der Technik, an der er sich nicht mehr vorbeimogeln konnte. Sanft und willenlos floss er vorbei an Häusern und Hausgärten. Mächtige Erlen säumten seinen Lauf, ihre roten Wurzelbüschel sicherten die Ufer. Unterspülte er einmal einen altersschwachen Baum, wurde die Böschung mit Faschinen – Weidenbündeln – wieder geflickt.Wer wollte schon einen Meter Gartenland freiwillig hergeben?
Jedes angrenzende Haus hatte am Bach sein Bänkchen, ein etwa ein Quadratmeter großes Holzpodium, das vom Ufer wenige Zentimeter über dem Wasser in den Bach ragte. Hier herrschte immer rege Betriebsamkeit. Man holte Gießwasser für den Garten, für die Viehtränke, zum Kartoffelwaschen. Kam man an Regentagen mit lehmverschmierten Schuhen heim, streckte man einen Fuß nach dem anderen ins Wasser und säuberte mit einem Reisigbesen die Schuhe. Meine Mutter kniete manche Stunde auf dem Bänkchen, neben sich eine große Zinkwanne, in der die Wäsche mit Soda eingeweicht, mit Schmierseife gewaschen und anschließend im Bach gespült wurde. Nahezu alle im Dorf kam mit der großen Wäsche an den Bach.
Was das spärliche Waschmittel und der Bach nicht schafften, vollendete die Sonnenbleiche. Schon zu Zeiten meiner Mutter war weiße Wäsche der Gradmesser für die Fähigkeiten einer. Hausfrau. Das bisschen Seife und Pottasche hat der Bach schadlos verdaut. Deswegen konnten wir Kinder gefahrlos ober- und unterhalb der Waschstellen Bachwasser trinken. Die direkten Angrenzer entledigten sich ihrer kleineren Schlachtabfälle von Hasen und Hühnern meist auf die gleiche Weise. Forellen und Hechte rissen sich darum. Wenn mal tote Ferkel oder sonstiges Kleingetier am Mühlrechen angeschwemmt wurden, schimpfte zwar der Knecht, gab aber hinter dem Rechen die unliebsame Fracht dem Bach wieder zurück. Bis zum nächsten Müller war sie eine willkommene Beute von Wasserratten, die auch eine sanierende Funktion am Bach haben.
Im Dorf wie in der Familie war alles so einfach. Wer zur Feldarbeit fähig war, bemühte sich ums tägliche Brot. Kinder und Alte versorgten Hof und Haushalt,jeder wurde gebraucht, niemand war überflüssig. Gebrechliche Alte saßen vor ihrem Austragsstübchen, wiegten den Kinderwagen oder strickten. Alles wurde weiterverwendet, selbst zerschlissene Stoffreste wurden zu schmalen Streifen zusammengenäht, zu großen Knäueln aufgewickelt und zu einem Weber in der Nachbargemeinde gebracht, der in den Wintermonaten bunte Fleckerlesteppiche knüpfte, schmucke Bodenbeläge für die „gute Stube.“
Leider hatte ich keine Großeltern am Hof. Deshalb hatten wir Kinder noch mehr Arbeit, noch mehr Verantwortung. Kartoffeln für die tägliche Schweinefütterungwaschen, spülen, den Hof kehren, die Hühner füttern, Schuhe putzen und dabei noch Kindsmagd machen bei meiner kleinen Schwester. Wehe, wenn nicht alles sorgfältig getan wurde. Meine Mutter forderte mich erbarmungslos. Obwohl wir in den Sommermonaten schon um 12 Uhr die Schule verließen, blieb nicht mehr viel Freizeit. Bummeln bei der Arbeit war da nicht mehr drin. Wer als Kind die leichten, doch umfangreichen Arbeiten bewältigen muss, wird zeitlebens die Arbeit der Hausfrau respektieren.
Wie sah das Dorf meiner Kindheit aus?
In der Mitte stand die alles überragende Kirche mit ihrem Zwiebelturm, Zeichen bäuerlicher Frömmigkeit und barocker Lebensfreude – die Seele des Ortes. Hoch auf der Turmspitze ein goldener Wetterhahn als Filigranarbeit handwerklicher Schmiedekunst, Symbol des Lebens, der Fruchtbarkeit, Schutz vor Feuersbrunst und Blitzschlag. Seine Farbnuancen wechselte er mit dem Wetter. Glänzte er golden, prophezeite er beständiges gutes Wetter. War seine Farbe stumpf und matt, ist Regen im Anzug. Alte Erzählungen berichteten, dass der bayerische Hiasl sich erdreistet hatte, vom Dorfrand aus den Hahn abzuschießen. Auf alle Fälle zeugteein Durchschuss von einem Attentat auf ihn.
Als Hof des Friedens umlagerten Gräber die herrliche Kirche. Eine hohe Mauer schirmte die Toten von der Straße, von der Hektik des Alltags ab. Eine Straßenseite daneben Schulhaus und Pfarrhof: Bildungszentrum und geistige Führung, Gehirn des Dorfes. Einen Steinwurf entfernt im Osten Brauerei und Gasthof „Krone“, im Süden Gasthof „Adler“, im Westen das „Deutsche Haus.“ Weit ausladende schmiedeeiserne Symbole reichten von den Giebelwänden bis in die Straße. Ein Hauch von Tradition. Ein nahtloser Übergang von geistiger Erbauung zu weltlichen Genüssen. Alles, was die Kirche an Sakramenten spendete, von der Taufe bis zur Beerdigung, wurde im weltlichen Bereich besiegelt. Eine geharnischte Sonntagspredigt war im Dunst von Rauch und Bier sehr schnell verdaut. Nach einer qualvollen Osterbeichte löste erst der Alkohol die Zungen.
Nur eine Handvoll Großbauern waren entlang der Dorfstraße verstreut. Dazwischen duckten sich bescheidene Söldnerhäuser. Mehr als einen Kilometermusste man gehen, um das Dorf von Süden nach Norden zu durchqueren. Zwischen Dorfstraße und Bach siedelte der Rest der Kleinbauern. Sonst waren es meist große gepflegte Häuser, zweistöckig, weiß getüncht mit grünen Fensterläden. Die Fenster waren klein und zahlreich. Jeder Flügel war noch gevierteilt mit kleinen Sprossen. Steile Giebel, die mit einem schmalen Gesimse knapp am Mauerwerk endeten. Jedes Gehöft hatte Hofraum, Garten und Blumenrabatte. In irgendeiner Ecke stand ein mickriges Austragsstübchen, wo die Alten auf den Tod warten.
Die Bauernhäuser waren groß und geräumig, der Giebel zeigte jeweils zur Straßenseite. Eine massive Haustür führte in den Gang, der sich quer durch das Gebäude bis zum hinteren Ausgang erstreckte. Neben der Haustür ein kleines Guckfenster, die einzige Lichtquelle für den Hausgang. Rechts des Flurs die „gute Stube“, dahinter die Küche, die im Sommer auch als Wohnraum diente. Links des Flurs eine massive Holztreppe, die in vielen Stufen zu den Kammern, den Schlafräumen führte. Hinter der Treppe die Stalltüre, das Bindeglied zwischen Menschen und Tieren. Vom oberen Gang, Sohler genannt, ging noch eine Treppe zum Dachboden, wo das Korn in Dauten gelagert wurde, Bretterabgrenzungen für Weizen, Roggen, Hafer und Gerste.
Im Pfründehaus beschauliche Stille, auf dem Bauernhof pulsierendes Leben:gackernde Hühner, muhende Kühe, tobende Kinder, drei Generationen in einer Gemeinschaft, alle aufeinander angewiesen, vom werdenden Leben bis zum siechenden Ende.
Für die Kleinhäusler war es ein ehernes Gesetz: Früh heiraten, damit man bald Kinder zur Arbeit hat, wenn die Alten nicht mehr helfen können. Für die Bauern erübrigte sich diese Einstellung, denn sie hatten Knechte und Mägde und warenauf Kinderarbeit nicht angewiesen. Deshalb die logische Folgerung: Je größer der Bauer, desto kleiner die Kinderschar, je kleiner der Bauer, desto größer die Zahl der Nachkommen.

Jedes Lebewesen braucht zu seiner Entwicklung Ruhe, Zeit und Geborgenheit. Wogab es diese Voraussetzungen besser als in der Landwirtschaft. Wenn der Acker durch Düngen, Pflügen, Eggen und Graben auch noch so sehr strapaziert wurde, betrat ihn doch keiner mehr, sobald die Saat in die schützende Erde eingelegt war. Saat und Unkraut keimten und wuchsen in einer Gemeinschaft. Erst wenn das Getreide kniehoch stand, begann das Jäten, eine mühsame Arbeit. Es war keine Vernichtungsaktion, sondern eine selektive Auslese. Disteln, großblättriger Sauerampfer, Ackerwinden und alle rücksichtslosen Senkrechtstarter, die das Getreide überragten, ihm Licht, Kraft und Nahrung nahmen, wurden ausgerissen, ausgestochen. Für mich war es immer eine Genugtuung, wenn ich eine ausgestochene Distel am Ackerrain liegen sah, kraftlos, welkend, sterbend. „Freund, du kannst mich bei der Getreideernte nicht mehr stechen.“ All die bescheidenen Bodendecker wie Stiefmütterchen, Vogelmiere und Veronica, die im Schatten des Getreidefeldes dahinvegetierten, wurden wohlwollend in der Lebensgemeinschaft belassen.
Nicht nur die Pflanzen, auch die Tiere lebten ohne Leistungsdruck in Ruhe und Freiheit, eingebunden in die Lebensgemeinschaft Bauernhof. Betrachten wir das bunte Volk von Hühnern: Rote, Gelbe, Weiße, Schwarze, Geperlte. Ein vielfältiges Rassengemisch lebte in Eintracht miteinander. Weiße Hampshire, braune Rhodeländer, gelbe Italiener, exotische Perlhühner, selbst Zwerghühner wurden geduldet.
Jede Rasse hat ihren eigenen Charakter. Die quicklebendigen Hampshire legen am meisten im Winter, die Italiener sind fleißig und legen im Sommer viele Eier. Die Rhodeländer, phlegmatische Fetthennen, bringen wenige dunkelbraune Eier, dafür sind sie im Suppentopf begehrt. Die schwarzen Deutschen Legehühner sind die dankbarsten Eierproduzenten, sogar während der Mauserzeit; dafür sind sie sehr streitsüchtig und rechthaberisch.
Nur durch die Vielfalt dieser Rassen hatten wir das ganze Jahr hindurch genug Eier. Ja, meine Mutter verkaufte sogar noch jede Woche beträchtliche Mengen an die Eierfrau, die jede Woche mit ihrem Weidenkorb zum Sammeln kam.
Das Volk der Hühner ist ein vorbildlicher Sozialstaat, in dem trotz vieler Rassen bei unbegrenzter Freiheit Disziplin und Ordnung herrschen. Bei meiner Mutter waren es immer etwa drei Dutzend Hennen, die von einem Hahn, einem farbenprächtigen „Italiener“ betreut wurden. Seine majestätische Größe, sein farbenprächtiges Federkleid und sein großer scharf geschnittener Kamm waren Ausdruck königlicher Würde. Dieser potente Kraftprotz führte ein strenges Kommando. Jedes Huhn buhlte um seine Gunst. Er war nicht nur Herrscher, er opferte sich auch für seine Hühner mit bewundernswerter Hingabe. Den Tag kündete er mit einem kräftigen Kikeriki an, laut, monoton, ausdauernd, bis der Hof erwachte, bis der Hahn des Nachbarn antwortete. Die Hühner waren das freieste Volk der domestizierten Tierwelt. Sie tummelten sich in Stall und Stadel, in Hof und Garten. Niemand konnte diesem Volk Einhalt gebieten. Selbst ins frisch gesäte Gärtle, ins Heiligtum der Hausfrau also, pfluderten sie unbekümmert und scharrten alles kaputt, was mühsam gesät worden war.
Auf dem Misthaufen waren sie zu Hause. Als Resteverwerter und Endverbraucher pickten sie alles auf, was Kühe und Schweine nicht mehr verwerten konnten. Selbst aus den Kuhfladen versorgten sie sich mit dem lebenswichtigen Vitamin B 12. Die Forscher haben Jahrzehnte gebraucht, um diesen Stoff zu finden, Hühner nutzen ihn instinktiv. Im Garten fraßen sie die jungen Keimlinge, die zarten Gräser, Vitaminbomben (Vitamin C, E, A, Carotin). Lukullische Leckerbissen wie Schnecken, Regenwürmer, Käfer, Raupen und Maden, einfach alles, was da kreuchte und fleuchte, stand auf ihrem Speisezettel. Wurde im Garten irgendwie gegraben, war die ganze Hühnerschar zugegen. Engerlinge und Würmer erspähten sie mit einer erstaunlichen Sicherheit. Mit ihren scharfen Krallen zermalmten sie die härteste Scholle, ihnen entging kein Kerbtier. Wunder der Natur – eines lebt vom anderen. Unsere Hühner waren so frech, dass sie meiner kleinen Schwester oft ihr Butterbrot aus den Händen hackten. Selbst Sandkörner pickten sie auf, um ihren Magen mit diesen Mahlwerkzeugen zu entlasten.
Was Ernährungswissenschaftler erforschten, ist „kalter Kaffee.“ Die Hühner haben es schon vor Generationen praktiziert. Ihre Produkte waren und sind ein Lebenselixier. Sind wir denn so arrogant, dass wir die Geheimnisse der Kreatur ignorieren? Ich glaube, die chinesische Küche hat vom Speisezettel der Hühner am meisten übernommen.
Wer hat schon eine verlorene Hühnerfeder beachtet, wenn der Wind mit ihr spieltund schwerelos in eine Ecke treibt? Stare und Spatzen verwenden sie zur Auspolsterung ihrer Nester. Wer hat schon nachgedacht über die Farbpigmente einer solchen Feder? Hochmolekulare Pterine, die zur Verwandtschaft der Sexualhormone und der Antibabypille zählen. Sind es nicht Hühner, die das Bindeglied zwischen Reptilien und Säugetieren darstellen? Sie haben einen langen Weg in der Evolution des Lebens hinter sich.
Das Volk der Hühner ist also ein idealer Sozialstaat, der sich freiwillig der Obhut eines Paschas unterwirft. Der Hahn ist nicht nur Herrscher, sondern mehr treusorgender Vater. Mit ihm steigt und fällt dieses Volk. Er ist eine stolze Erscheinung, überragt die Hennen um Haupteslänge, kraftvoll, würdig, selbstbewusst. Sein Federkleid fließt golden, schwarz und purpur vom Kopf bis zum weit ausladenden Schwanzende. Sein roter Kamm repräsentiert Macht und Würde. Ob im Hof, Garten oder Misthaufen, er befindet sich immer auf der höchsten Stelle; mit Argusaugen überwacht er seine Schar.
Unser Hof am Rande des Dorfes war eingebunden in die Wiesen des Tales. Wenn vom nahen Eichbühl ein Greifvogel in den Lüften segelte, schlug er Alarm, bis die letzte Henne unter Hecken, Bäumen oder Wagen ihr schützendes Revier erreicht hatte. Todesmutig stellte er sich jedem Angreifer. Wenn wir Kinder mal eine Henne jagten, sprang er dazwischen. Seinen kräftigen Flügelschlägen und seinem scharfen Schnabel mussten auch wir weichen. Er achtete darauf, dass seine Hühner nicht in Nachbarrevieren streunten, und duldete keinen Nebenbuhler. Kam irgendein verscheuchter Gockel daher, verjagte er ihn unerbittlich. Hier gibt es unter Herrschern keine Freundschaft.
Fand er eine fette Beute, lockte er solange, bis die Hühner ankamen und sie verzehrten. Obwohl ihm manchmal das Wasser im Mund zusammenlief, stand er hungrig daneben. Unser Gockelhahn war auch gerecht. Er behandelte alle Hühner gleich, ob farbig oder grau, ob klein oder groß. Von seiner Potenz hing es ab, ob die Eier befruchtet oder lauter waren. Bei soviel väterlicher Fürsorge war es verständlich, dass sich ihm das Hühnervolk freiwillig unterwarf, dass jede Henne seine Gunst suchte. Welche Charaktereigenschaften sind doch im Genmuster eines solchen Federviehs verankert!
Wenn ich abends die schweren Mistkarren über den Hof fuhr und mich plagenmusste, beneidete ich oft die Hühner, die in der Holunderstaude träumten oder imSand buddelten. Wie oft dachte ich so vor mich hin: Ach, wärst du doch ein Huhn geworden. Die Hühner hatten im Kuhstall einen Lattenverschlag mit Sitzstangen. Ein Loch ebenerdig ins Freie durch das Mauerwerk war ihr Auslauf. Im Winter drängten sie sich zum Schlafen in den Stall. In lauen Sommernächten übernachteten sie romantisch in der Holunderstaude – herrliche Freiheit!

Eine Bauerngeneration später wird alles anders sein:
Die Hühner werden auf dem Hof ausgerottet. Wissenschaftliche Begründung: Sie sind Überträger von Tuberkelbazillen bei Rindern. Ökonomisches Argument: Sie sind nutzloses Federvieh. Die Folge: Arbeitsvereinfachung und Monokultur. Moralischer Erfolg: Der Bauernhof ist um ein Glied in der Lebensgemeinschaft ärmer geworden. Das Schicksal der Hühner: Sie wurden von Individualisten zu eingesperrten Strafgefangenen.
Das Geschlecht der Kugelmann ist mit dem Tod des ledigen Karl ausgestorben, die alte Mühle zerfallen, abgebrannt und es gibt Platz für ein modernes Wohnhaus. Das Wehr ist geborsten, der Gumpen verödet. Der Tummelplatz meiner Kindheit ist tot. Graues Wasser trägt lustlos seine chemische Fracht des Wohlstands zur Donau. Wo Forellen und Äschen nach Mücken hüpften, treiben Plastiktüten und Kunstdüngersäcke. Der große Kuhstall der Mühle, wo früher wilde braune Kühe wohnten und den ganzen Sommer auf den angrenzenden Wiesen weideten, ist umgebaut. Ein grauer fensterloser Koloss beherbergt eine Hühnerfarm. Tausende von weißen hochgezüchteten Hybriden dösen im Dunkeln bewegungslos vor sich hin, haben gerade noch soviel Kraft, um vom Futterband ihre Mastnahrung zu picken. Das monotone Summen eines Ventilators zieht penetrant stinkende Luft ins Freie. Nach ein paar Monaten endet das Martyrium im Schlachthaus. Versagt vorher die Technik, geht ein Kadaverberg zur Tierkörperverwertung Mindelheim.
Ich möchte kein Huhn mehr sein!

Ruhe und Zeit wurden dem keimenden Korn bis zur Reife gegeben. Es musste weder Spritzmittel noch mästenden Kunstdünger verdauen. Nestwärme und freien Auslauf ohne Leistungsdruck durch Kraftfutter erlaubte man den Hühnern. Genauso erfolgte die Aufzucht der Kinder. Schon die Geburt ging ohne große Umstände vor sich. Wenn die Mutter plötzlich fehlte, konnte mein Vater so nebenbei sagen: „Kinder, seid nicht so laut, die Mutter liegt im Bett, ihr ist nicht ganz gut.“ Uhls Hebamme, die gleich in der Nachbarschaft wohnte, kam sie besuchen, eine ausgefranste Tasche im Arm. Fremder Lysolgeruch durchströmte das ganze Haus. Hörte man dann ein helles Kinderschreien, so kam der Vater: „Kinder, der Storch hat ein kleines Brüderle gebracht.“ Wir gaben uns damit zufrieden. Eine Geburt war nichts Außergewöhnliches, sie wiederholte sich fast jedes Jahr, wie Frühling und Herbst. Ein Tribut frommen Gehorsams.
In den folgenden Wochen besuchten uns die Nachbarsfrauen. Sie kamen zum Kindbettschenken. Obligatorisch waren eine Mark oder ein Kinderjäckchen. Meistens konnte sich meine Mutter noch im gleichen Jahr revanchieren. Nach ein paar Wochen kamen die Basen aus Mindelzell und Thannhausen zur sonntäglichen Taufe. Sie waren bei allen Kindern die Taufpaten – das Dotle. Bei meinen jüngeren Geschwistern habe ich diese Zeremonie miterlebt. Allerdings interessierten mich nur das gute Essen und die Bonbons.
War die Taufe im Sommer, so blieb die Mutter einige Wochen daheim beim Kind. Später wurde der Säugling mir anvertraut. Es gab eine genaue Anweisung: Die Milch abkochen, in die Flasche gießen und solange die Flasche in kühles Wasser halten, bis sie handwarm ist. Windeln zum Wickeln lagen genug bereit. Mutter ging ja nur am Nachmittag für einige Stunden aufs Feld.
Sobald die Mutter fort war, störte mich das Schreien des Säuglings nicht mehr. Aber kurz vor ihrer Rückkehr umsorgte ich ihn, gab ihm den Schnuller, bei uns Zapfen genannt, legte ihn trocken und schaukelte die große Kinderchaise, nur damit sie ihn friedlich antraf. Denn sonst wäre eine Missstimmung aufgekommen, die mir selten gut bekam. Eine Bauersfrau mit einer Schar kleiner Kinder hatte schon Unmenschliches zu leisten. Feld-, Stall- und Hausarbeit und dann noch Kinder versorgen. Meine Mutter war zudem noch sehr akkurat. Es türmten sich oft Berge von Wäsche. Ich hörte meinen Vater beim Morgenessen oft fragen: „Mutter, du bist ja heut gar nicht im Bett gwesa?“ „Ach, i hab aufm Kanapee a bissleknoarat (gedöst).“ Schlimm war es in einem eisigen Winter. Die gute Stube war ein Krankenlager für vier Kinder. Keuchhusten und Lungenentzündung. Selbst der Arzt war hilflos. Diese Erstickungsanfälle, begleitet von hohem Fieber brachten Mutter und Kinder zur Verzweiflung. Ich als Ältester bekam am meisten mit. Meine Mutter kam über einen Monat nicht aus ihren Kleidern, denn mein Vater war in der Krankenpflege ungelenk.
Wie oft sprang meine Mutter mitten in der Nacht zur Stubentür hinaus und schrie markerschütternd: „Vater, komm schnell, der Ulrich erstickt!“ Oder: „Schnell, der Wilhelm erstickt.“ Es waren meine zwei jüngsten Brüder. Ich sah die blauen Gesichter nach Luft ringen. Tag für Tag, Woche für Woche das gleiche Martyrium und keine Besserung. In einer Woche starb Ulrich, in der nächsten Wilhelm. Tränen – Schmerzen – Verzweiflung. Der Mailingerschreiner brachte jeweils ein weißes Särgchen, man legte es mit dem Kind in den Sohler, nach drei Tagen kam der Totengräber, nahm es unter den Arm und brachte es zur Beerdigung auf den Friedhof, denn ein Leichenhaus kannten wir nicht. Ein frostiger Winter – ein großes Kindersterben. Kurz waren die Freuden der Taufe, lang die Schmerzen der Trauer!

Viele Monate herrschten Totenstille, Niedergeschlagenheit und Kummer im Haus. Wir Kinder waren brav, folgsam wie noch nie. Wenn meine Mutter abends am Tisch saß und versonnen strickte, brach sie plötzlich in Tränen aus: „Zwei Buben auf einmal!“ Mein Vater legte wortlos sein Buch beiseite, weil seine Augen wässrig waren. Wir Kinder weinten mit. Bei jedem Abendgebet wurden die beiden toten Brüder mit eingeschlossen. Meine Schwester Hedwig, die schon seit Jahren bei Bauern diente, kam am Sonntagnachmittag mit ihren Freundinnen, denn unser Haus war für sie die einzige Begegnungsstätte, „Heimgarten.“ Die sonst kichernden lebenslustigen Mädchen waren ernst und bedrückt. Wo früher Dorfneuigkeiten und Klatsch die Unterhaltung gewürzt hatten, kreiste jetzt das Gespräch um die verstorbenen Kinder. Wie nett sie gewesen waren, welche blauenAugen sie gehabt hatten usw.
Wenn meine Mutter am Bach Wäsche schrubbte, kam die Mailingerin, ansonsten eine derbe Frau, und tröstete sie: „Schau Marie, die Kinder sind im Himmel, des sind Engela; wer weiß, was sie hättat no mitmacha müssa, mir gehat sowieo schlechte Zeiten entgegen. Aber gelt, wenn ma’s amaul hat, dann will ma’s nimmer hergeba. Dr liabe Gott wird scho gwisst hau, warum er’s gholt hat.“Anteilnahme und frommes Gottvertrauen linderten solche Schicksalsschläge. Unser Dorf war abgekapselt von der Außenwelt, ohne die Ablenkung durch öffentliche Medien. Da schwangen die Wellen des Schmerzes sehr lange, bis sie von der Zeit geschluckt wurden.
Das Sterben meiner Brüder hat sich in meinem Gehirn so plastisch eingeprägt,dass ich es auch heute noch in allen Einzelheiten wiedergeben könnte.
Es war kurz vor der beginnenden Schulzeit. In der Schule gab es keinen Leistungsdruck. Ich hatte Freude am Lernen. Unsere Lehrerin, Fräulein Frei, konnte so herrliche Märchen erzählen wie „Schneewittchen“ oder „Aschenputtel“ und viele andere. Ich erlebte sie wirklich. Meine Phantasie, meine Träume hatten keine Grenzen. Mit der Begeisterung eines Kindes erzählte ich diese Phantasie-Erlebnisse mit eigenen Worten der Stegnäherin, den Mädchen vom „Heimgarten“, den Nachbarn. Alle hörten mir zu, alle amüsierten sich über meine Wiedergabe. Ich freute mich und war stolz. Daheim hatte ich ja so etwas noch nie gehört. Wir kannten weder Spielzeug noch Märchen. Unsere Welt war Wasser und Sand, Hausarbeit und Tiere.

In meiner gesamten Schulzeit störte mich am meisten die Akkuratesse meiner Mutter. Das begann schon mit dem Wecken während der Stallarbeit. Meine Mutter war beim Melken. Jedes Mal, wenn sie einen Kübel Milch in den Hausgang trug und in die Milchkanne schüttete, rief sie: „Aufstehen, ihr müsst in die Kirche!“ Ich hörte es zwar im Unterbewusstsein, die mollige Wärme meines Strohsacks und dicken Federbetts machte mich willenlos. Meine zwei Brüder, die neben mir schliefen, waren beim ersten Ruf sprungbereit.
Es dauerte eine Weile. „Ist der Hais noch nicht auf?“ Der Ruf wurde heftiger: „Stehst du jetzt auf, man läutet schon gleich!“ Der dritte Ruf gab viel Ärger. Dieser Ritus wiederholte sich tagtäglich. Anziehen und Waschen gingen zwar schnell, befriedigten meine Mutter aber nie. „Du hast deinen Hals nicht sauber gemacht, schau deine schwarzen Fingernägel an, an deiner Hose sind noch Dreckspritzer“ … Solche Mängel gab es bei meinen Geschwistern nie. Von der Schule kamen keine Reklamationen, ich erhielt viele Fleißbildchen und war mindestens so gut wie meine Geschwister. Das war nicht selbstverständlich. So verschieden die einzelnen Familien waren, so differenziert war auch das Interesse der Schüler. Meine Nachbarn, der Stapf Ludwig oder der Schedel Hermann haben die meiste Zeit Karten gespielt und unter der Schulbank mit allerlei Kram geschachert – zum Leidwesen der Lehrerin.

In der zweiten Klasse suchte sich der Herr Pfarrer Mack einige Ministranten aus. Er hatte bestimmte Kriterien. Der Junge musste aus einer frommen, sauberen Familie sein, er musste pünktlich zum Läuten kommen und gut lernen, damit er die lateinischen Responsorien bald auswendig konnte. Dank der Vorschusslorbeerenmeiner schulentlassenen Brüder fiel die Wahl auf mich, zum Stolz meiner ehrgeizigen Mutter, zur Befriedigung meines frommen Vaters.
Wie sah unsere Schule aus? Ebenerdig ein großes Klassenzimmer, vorne zwei große schwarze Tafeln, die mit Kreide beschrieben wurden, daneben ein Pult. In der Mitte ein Gang, rechts und links davon lange Holzbänke mit Klappsitzen. In den Bänken waren offene Tintengläser untergebracht, die man mit einem Blechdeckel zuklappen konnte. Wir waren immer etwa 40 bis 50 Schüler in den insgesamt drei Klassen. Fräulein Frei, schmal und schlank, jung mit schönen roten Lippen, saß selten an ihrem Pult, sondern meistens auf der Kante der ersten Bank. Auf einer Seite die Mädchen, auf der anderen die Buben, die Sitzverteilung erfolgte nach der Größe. Unsere Schulutensilien waren dürftig: eine Schiefertafel mit Griffel, ein Lese- und ein Rechenbuch.
Die Lehrerin war ganz anders als die Bauersfrauen. Sie hatte lange, silberglänzende Fingernägel, die schimmerten wie die Perlmuttknöpfe an der Bluse meiner Mutter. Die Haare waren sehr lang und rötlich. Mir hat dies alles gut gefallen. Ich musste ihr immer noch das Zimmer aufräumen und Botengänge machen. Sie wohnte in der Schule ganz oben unter dem Dach. Fräulein Frei hat unsere Sprache nicht verstanden. Man sagte, sie sei aus der Stadt. Als Stapfa Ludwig aufstand und sagte „Freile, ich muss seucha“, fragte sie zurück, was das bedeuten solle. Wir antworteten hilfreich: „Das heißt biesla.“ Sie verlangte, dasswir fragten: „Bitte, darf ich austreten?.“ Stapfa Ludwig wollte es nicht begreifen. Zur Strafe musste er sich wieder hinsetzen. Nach einer Weile meldete sich sein Nachbar: „Freilein, dr Lugge haut neigseucht.“ Sie wurde hochrot. Ludwig musste einen Putzlappen holen und aufwischen. Ludwig besaß weder Leistungsdrang noch Interesse am Unterricht; weil er trotz Mahnungen nicht aufgepasst hatte,musste er vor der Schultür auf dem Gang stehen, die härteste Strafe. Nach geraumer Zeit wollte sie ihn wieder hereinholen. Ludwig war verschwunden, nach Hause gegangen. Es dauerte Tage, bis er wieder zum Unterricht erschien.
Ein anderes Mal ließ einer mehrere Feldmäuse laufen, die er am Tag vorher beim Kühehüten gesammelt hatte. Plötzlich schrie ein Mädchen: „Fräulein, eine Maus, eine Maus!“ Es zeigten sich noch mehrere Tierchen, niemand wusste, woher sie kamen. Das Fräulein wurde blass vor Angst und rannte Hilfe suchend zum alten Lehrer Kohl in die obere Klasse. Dieser kam gelassen ins Zimmer und sorgte dafür, dass die Mäuse wieder eingefangen wurden. Wer sie mitgebracht hatte, konnte jedoch auch er nicht ermitteln.
Am meisten Abwechslung boten Gessels Zwillinge. Sie glichen einander wie ein Ei dem anderen und sorgten immer wieder für Überraschungen. Sie waren die Clowns der Schule, witzig und ideenreich. Eine Schönschreibübung wurde abgehalten. Fein säuberlich trugen wir den Text von der Wandtafel in unser Heft ein. Die beiden feixten wie üblich. Der eine blies in sein offenes Tintenfass, reaktionsschnell blies der andere noch schneller in seines. Treuherzig schauten beide aus ihren blau gesprenkelten Gesichtern, Heft und Umgebung sahen ähnlich aus.
DER ERSTE RAUSCH

Dank meiner gestrengen Mutter konnte ich mir nichts erlauben. Die geringste Reklamation vonseiten der Lehrerin hätte mir auch zu Hause eine harte Strafe eingebracht. Relativ gesehen war ich unter diesem ungehobelten Volk einer der bravsten Schüler. Und doch ist mir einmal etwas ganz Schreckliches passiert, eine Schande für die ganze Familie.
Es war Frühjahr, die Winterschule dauerte noch bis 16 Uhr. Ich war schon länger Ministrant, andächtig und gewissenhaft. Der strenge Pfarrer Mack war mit mir sehr zufrieden. Darauf war meine Mutter besonders stolz, denn daheim hatte sie mit mir andere Erfahrungen gemacht. Es war die Zeit, in der der Tod so manchen alten Pfründner aus seinem Austragsstübchen holte. Nicht der Arzt, der Pfarrer war Beistand Sterbender. Es verging kaum ein Tag, an dem der Herr Pfarrer nicht zu einem Schwerkranken geholt wurde. Zur „Versehung“, Spendung der „Heiligen Kommunion“ und letzten Ölung. Ich assistierte. Der Herr Pfarrer in Chorrock und Stola mit dem „Allerheiligsten“, ich in der Ministrantenkutte. Solange der Herr Pfarrer das „Allerheiligste“ trug, bimmelte ich mit meinem Glöckchen. Es war auch für mich ein Gefühl der Würde, wenn die Leute, die uns begegneten, niederknieten und sich bekreuzigten.
Für Pfarrer, Ministranten und Totengräber war Hochsaison. So kam es, dass an einem Tag zwei Beerdigungen stattfanden. Wir Ministranten hatten dann bis umzwei Uhr schulfrei. Zum „Bsängnis“ wurden immer die Träger und Ministranten eingeladen und im Nebenzimmer des Gasthauses abseits der Verwandtschaft versorgt. Als Leichenträger wurden – ein alter Brauch – die nächsten vier Nachbarn gebeten. Auch sie speisten im Nebenzimmer.
Das erste Bsängnis war in der Brauerei Kirn. Ein üppiges Essen: Weißwurst, Schweinebraten, Kartoffelsalat, Getränke. Die älteren Ministranten tranken zum Teil schon Bier, die jüngeren Sprudel. Ich hatte noch nie einen Schluck Gerstensaft getrunken. Dass Schüler Bier trinken, wäre in meiner Familie undenkbar gewesen. Nach dem Essen saß ich bei meinem Glas Mineralwasser. Zwischendurch kam meistens der Mesner als unser Vorgesetzter und kümmerte sich darum, dass auch wir versorgt wurden. Er setzte sich neben mich, zog aus seinem Glaskrug einen kräftigen Schluck, schob ihn mir hin: „Du Schleimscheißer, du trinkst kein Bier, was bist du denn für a Kerl!“ Er drängte weiter, ich nippte, mich schüttelte der bittere Geschmack. Die anderen lachten.
Das Spiel der Verführung ging weiter. Mein Schluck wurde immer größer. Ein nie gekanntes wohliges Gefühl der Schwerelosigkeit beschwingte mich. Plötzlich mundete mir das Gesöff. Wir gingen in glückseliger Stimmung zum „Oberen Wirt“. Der nächste Leichenschmaus. Selbstsicher bestellte ich eine Halbe. Die Welt wurde immer schöner. Die verrauchte Wanduhr zeigte dreiviertel zwei. Ichmusste zur Schule. Die ausgetretenen Steintreppen des Ausgangs hinunter fühlte ich mich unsicher. Der große schmiedeeiserne Adler am Giebel des Wirtshauses hing schief. Ich fühlte mich übel, ging aber pflichtbesessen trotzdem zur Schule und setzte mich auf meinen Platz.

Der Unterricht begann. Ich stand auf und wollte fragen, ob ich austreten könne. Dazu kam es nicht mehr. Explosiv schoss mein Leichenschmaus in hohem Bogen über die Vorderleute. Die Lehrerin erschien doppelt. Sie merkte erst jetzt, dass mit mir etwas nicht in Ordnung war. Mir war alles wurstegal, mir war sterbensübel.Gallenbitter im Mund würgte und würgte es mich. Nach der ersten Schrecksekunde schickte mich Fräulein Frei zum Bach: „Wasch dich ab.“ Ich wankte durch den Schulhof. Alles begann sich zu drehen wie im Karussell. Mühsam hangelte ich mich an Hockenbaurs Staketenzaun entlang in Richtung Bächle. Im flachen Wasser würgten sich bei jedem Bücken die Reste des Schmauses heraus. Ich fiel bäuchlings ins Wasser. Wie in Trance ging ich dann in die Schule zurück.
Von weither hörte ich die Lehrerin fragen: „Wer bringt den Matthias heim?“ Von da an verlor ich das Bewusstsein, wie lange ich in den Armen des Todes lag, weiß ich nicht, spürte nur brennende Schmerzen, die immer heftiger wurden. Ganz langsam kam ich zu mir, öffnete apathisch die Augen und brauchte lange, bis ich meine Umgebung wahrnahm. Ich lag in der „guten Stube“ auf dem neuen Sofa. Meine Mutter drosch mit ihren letzten Kräften immer noch auf mich ein. Sie schimpfte keuchend: „Mit dir muss man sich schämen, das ganze Dorf redet von dir, der Mesner hat’s uns schon erzählt, dass du dich sinnlos besoffen hast.“ Dies alles nahm kein Ende mehr. Mir war auch alles egal. Allmählich setzte ich mich auf. In den Mulden des ausgewaschenen Fußbodens standen Pfützen. Der bunte Fleckerlesteppich war verspien, das rote Sofa und ich waren nass und schmutzig.Meine Mutter holte eine alte Hose und warf sie mir vor die Füße. „Geh en Bach naus und wäsch di, dann machst, dass en’s Bett kommst!“ Frierend und fröstelnd entzog ich mich dem Gewitterhagel. Ich habe in meinem ganzen Leben die Einsamkeit und wohlige Wärme des Bettes noch nie so intensiv empfunden wie an diesem Abend.
Für mich kam eine lange Eisperiode. Als Saufbruder passte man nicht mehr in eine solch brave Familie. Meine Mutter gab mir nicht einmal mehr Arbeit – höchster Grad der Verachtung.
Der erste Weckruf riss mich wie ein Blitz aus dem Bett. Ich war schon lange vor dem Läuten in der Kirche. Nur weg von den Menschen. „Jetzt wird mir der Hochwürden geharnischt die Leviten lesen.“ Banges Warten. Aus dem Verlies des Glockenhauses trat ich erst heraus, als der Mesner den Pfarrer schon anzog. Wie ein getaufter Pudel schlich ich mich in die Sakristei. Ich wollte aus Verlegenheit etwas tun, wusste aber nicht was und erwartete ein Donnerwetter. Der Pfarrer im grünen Messgewand drehte sich um, ging auf mich zu, strich mir über meine Borsten. Sein sonst so ernstes Gesicht war milde. „Gell Bua, dr Mesner hat dir gestern einen Rausch eingefüllt – da kannst du wirklich nichts dafür.“ Zum Mesner gewandt: „Herr Weber, was sie getan haben, ist unverantwortlich. Wenn sie sich vollaufen lassen, ist das ihre Sache. Für die Kinder trage ich die Verantwortung.“ Der hagere glatzköpfige Mesner wurde kleiner, ich wurde größer.

Kochen frei Schnauze – das etwas andere Kochbuch

Sicherlich fragen Sie sich gerade jetzt in diesem Moment, was hat kochen mit dem brechen von Tabus zu tun? Klare Antwort: Nichts.
Kochen ist für mich eine Leidenschaft, seid vielen Jahren. Gerade die Fisch und Seafood Küche fasziniert mich seid klein auf. Über 15 Jahre war ich im Fischsektor tätig, bis heute hat die Materie Fisch nicht im geringsten an Faszination für mich verloren.

Daher war es mein Wunsch, ein Kochbuch zu veröffentlichen das Ihnen die Leidenschaft zum vollkommenen Fisch und Seafood Erlebnis vermittelt.
Regionale Fischküche die an der Küste ebenso wie im tiefen Binnenland unserer Republik mit wenigen Zutaten für sensationelle Gerichte sorgt.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim schlemmen und kochen.
Über ein Feedback von Ihnen würde ich mich riesig freuen.

Die Verlosung ist beendet

So meine lieben, nun stehen die Gewinner für das Kochbuch fest. Es sind:

Ulrike und Nicole.

Soeben hab ich die Gewinner per Mail benachrichtigt.
Viel Spaß beim lesen und kochen ;)
Martin Bühler

Bis zum Anschlag im Allerwertesten

Bis zum Anschlag im Allerwertesten

Bis zum Anschlag im Allerwertesten

Unsere öffentlich-rechtlichen Medien sind anscheinend mehr und mehr zum Spielball der Politik geworden. Kaum eine Nachrichtensendung, die nicht mit anti-russischer Propaganda beginnt. Mir kommt es vor, als würde das Volk auf einen neuen, künstlich angefachten Kalten Krieg eingeschworen. Michail Gorbatschows mahnende Worte haben mich betroffen gemacht und ja, auch getroffen. War nicht Gorbatschow der Mann, dem wir „Gorbi, Gorbi“ zuriefen?

Er hat Recht, unser Land rutscht in Richtung Amerika.

Natürlich sind Russlands Probleme, gerade mit den Menschenrechten, nicht von der Hand zu weisen. Aber die Verhältnismäßigkeit stimmt nicht mehr.

Bei der Festnahme der russischen Punkrock-Band „Pussy Riot” schrie die deutsche Politik laut auf. Tagelang war sie das Thema Nummer eins in den Nachrichten. Man hörte nichts anderes mehr. Doch hier muss der Fairness halber gesagt werden, dass die Aktivistinnen, wären sie so in Deutschland aufgetreten, ebenso mit einer Freiheitsstrafe hätten rechnen müssen.

In den USA wurden seit 1997, laut Angabe von Amnesty International, 1890 Menschen zum Tode verurteilt, und die Urteile wurden vollstreckt. Das bedeutet 1890 Morde. Schreit hier jemand auf? Nein, Frau Merkel, Sie mahnen Putin zur Besonnenheit und schlüpfen den amerikanischen Präsidenten bis zum Anschlag in den Allerwertesten.

Denken wir an das Gefangenenlager Guantanamo Bay. Bis zu 500 Menschen wurden von den Amerikanern in das Internierungslager verschleppt. Ohne jede Rechtsstaatlichkeit, ohne Justiz; das Militär und die CIA entschieden. Die Verhörmethoden können durchaus mit der Yins der Nazizeit verglichen werden.

Denken wir an die Affäre Edward Snowden. Diesem Mann verdanken wir das Wissen, wie wir von den USA und Großbritannien ausspioniert wurden. Es ist geradezu lächerlich, dass wir nicht den Mut aufbringen, Edward Snowden politisches Asyl zu gewähren. Dabei war unser Land ein absoluter Nutznießer seiner Offenbarungen.

Was in der Ukraine abläuft ist nicht zu tolerieren, keine Frage. Aber im Verhältnis zu den von Amerikanern rund um den Globus geführten Kriegen ist es nichts. Wir kritisieren Russland und akzeptieren jedes Verbrechen der Amerikaner. Da stimmt doch etwas nicht.

Denken wir an Afghanistan, Irak, Jemen und Syrien. Hat nur ein einziger Krieg Frieden gebracht? Nein, die Formel „Gewalt erzeugt Gegengewalt“ trifft immer zu.

Mir läuft es noch heute kalt den Rücken herunter, wenn ich mich erinnere, wie über das Fernsehen die Hinrichtung Saddam Husseins bekannt gegeben wurde. Klar war Hussein ein Verbrecher. Aber darf ein demokratischer Rechtsstaat einen Verbrecher hinrichten? Auf der einen Seite wird geschrien, dass der Irak vom Terrorismus befreit werden muss, auf der anderen Seite verhält man sich selbst wie ein Terrorist.

Wie habe ich mich gefreut, als Barack Obama in den USA Präsident wurde. Ein Afro-Amerikaner, toll, das läutet die Wende in der amerikanischen Politik ein, hoffte ich. Endlich die brutalen Verbrecher-Fressen Bush und Bush jr. nicht mehr am Ruder der Weltpolitik, war mein Gedanke.

Ich täuschte mich. Unter Barack Obamas Führung hat Amerika seinen Feldzug auf den ganzen Erdball ausgeweitet. Der Friedensnobelpreis-Träger Obama ist entzaubert. Schade, sehr schade.

Lassen wir nicht zu, dass Medien uns so sehr beeinflussen wie damals in der NS-Zeit. Vergessen wir nicht, gelegentlich unseren eigenen Kopf zu gebrauchen. Man nennt das DENKEN.

Wenn öffentlich-rechtliche Medien wie ARD und ZDF nicht journalistisch berichten, sondern mit ihrer Propaganda-Maschinerie ein politisches Ziel verfolgen, ist es meistens nur eine Frage der Zeit, bis sich dem Großteil der Bevölkerung ein falsches Bild der Situation eingebrannt hat.

Ich bin weder ein Russland-Freund, noch ein Amerika-Hasser; ich bin Europäer und halte die Entwicklung für sehr Besorgnis erregend.